Börsenkommentar Stefan Bruckbauer
Warum ist die Weltwirtschaft trotz „Chaos“ so stabil?

Wien Die Schlagzeilen zu Jahresbeginn zeigten es sehr deutlich: Die Welt verändert sich radikal. Die Ereignisse in Venezuela bestätigen den dramatischen Politikwechsel der USA. Nach der Infragestellung der bisherigen Strategie gegenüber Russland im Fall der Ukraine sowie der dramatischen Veränderung der Zollpolitik dokumentieren die Ereignisse in Venezuela eindrucksvoll die Abkehr von einer auf Regeln und Vertrauen basierenden Politik.
Die dramatischen Veränderungen, die damit auch für die Weltwirtschaft einhergehen, spiegeln sich jedoch kaum in der weltwirtschaftlichen Entwicklung wider. Die Weltwirtschaft dürfte 2025 knapp über drei Prozent real gewachsen sein, so viel wie ein Jahr davor und ziemlich genau so viel, wie von uns vor einem Jahr prognostiziert wurde. Ohne eine solche radikale Änderung der Politik erwartet zu haben, waren unsere Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft, für die USA oder den Euroraum ziemlich richtig, und die Aktienmärkte entwickelten sich sogar besser als erwartet.
Sind die politischen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft nicht so wichtig? Die Antwort darauf ist ein klares Nein, sie sind extrem wichtig. 2025 haben gewisse Entwicklungen die negativen Folgen etwa der Zollerhöhungen auf die US-Wirtschaft abgeschwächt bzw. kompensiert. Nicht nur die Tatsache, dass Importeure einen Großteil der Kosten vorläufig übernommen haben, es wurden auch die Zölle wieder deutlich reduziert, und gleichzeitig verhalfen der KI-Boom und die expansive Fiskalpolitik der USA, die negativen Folgen zu dämpfen.
Dies ist jedoch nicht dauerhaft möglich. Weder können Importeure die Kosten dauerhaft übernehmen – sie werden schließlich an die Konsumenten weitergegeben –, noch können die USA ihr Budgetdefizit von Jahr zu Jahr erhöhen. Zudem wird sich auch der Investitionsboom im Bereich KI wieder abkühlen. Es dauert eben eine gewisse Zeit, bis sich negative Rahmenbedingungen auf die Wirtschaft auswirken.
Bestes Beispiel dafür ist der Brexit. Nach der Entscheidung für den Brexit 2016 blieb das Wirtschaftswachstum des Vereinigten Königreichs bis zum Brexit 2020 so hoch wie davor, seit 2020 wächst die Wirtschaft nur mehr halb so stark, die Differenz hat sich inzwischen auf rund sechs Prozent des BIP summiert. Der Euroraum konnte auch nach 2020 so stark wachsen wie die Jahre davor. Sollte es keine Kehrtwende bei der globalen Wirtschaftspolitik geben, wird die Weltwirtschaft dauerhaft unter diesen negativen Rahmenbedingungen leiden, und Europa mit seiner exportorientierten Wirtschaft besonders.
stefan.bruckbauer@unicreditgroup.at, Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der Bank Austria Unicredit, Economics & Market Analyses
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