Kommentar

Julia Ortner
Julia Ortner

Keine Welt für Helden

Der venezolanische Diktator wird mit seiner Ehefrau im eigenen Land bei einem großangelegten amerikanischen Militäreinsatz mitten in der Nacht gefangen genommen und gewaltsam außer Landes gebracht, US-Präsident Donald Trump mitsamt seiner Entourage gefällt das. Amerikanische Eliteeinheiten greifen vergangenen Samstag Venezuela an, ihre Ziele sind Präsident Nicolás Maduro und dessen Frau Cilia Flores. Das Foto von Maduro, der in Handschellen und mit verbundenen Augen in die USA abtransportiert wird, wird weltweit gezeigt und auf Social Media geteilt: Eine Demütigung als Machtdemonstration.

Die Maduros werden gleich am Montag einem Bundesgericht in Manhattan vorgeführt, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll, sie plädieren auf nicht schuldig. Während jetzt viele internationale Kritiker und das UNO-Menschenrechtsbüro eine klare Verletzung des Völkerrechts durch Trump feststellen, bestehen die USA und die Fans des Republikaners auf ihrer Sicht der Dinge: Der Linkspolitiker Maduro sei ein in Drogengeschäfte verwickelter, gefährlicher Mann, der das südamerikanische Land nach seiner von Betrugsvorwürfen begleiteten Wiederwahl 2024 unrechtmäßig regiert habe.

Auch viele venezolanische Auswanderinnen und Auswanderer zeigen ihre Freude über das Ende des Autokraten – und dennoch bleibt ein Unbehagen darüber, wie der Bösewicht vom selbsternannten Sheriff abserviert wurde.

Gut oder böse?

Der Diktator Maduro gilt zwar als korrupt, die Vereinten Nationen werfen ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Doch auch der Befreier Trump ist nicht der aufrechte Held, der an Freiheit für das unterdrückte Land interessiert wäre; ihm geht es um die riesigen Ölreserven Venezuelas, wie er nun recht unverhohlen sagt. Diese Geschichte rund um weltpolitische Machtkämpfe zeichnet ein Bild mit Grautönen, passend zu unserer Zeit. Gut oder böse, Schwarz oder Weiß: So simpel kann man die Welt leider nicht immer einteilen. Sie präsentiert sich vor allem in diversen Abstufungen von Grau. Damit fordert sie uns Menschen etwas ab, dass man oft als Begriff in schlauen Ratgebern liest, aber zu wenig lebt: Ambiguitätstoleranz. 

Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit, Ambiguitätstoleranz ist also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu ertragen und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen. So können Menschen auch widersprüchliche Sachverhalte aushalten und damit umgehen. Natürlich heißt es nicht, alles einfach zu akzeptieren, sondern nur, Raum für Ungewissheiten zu lassen. Erleichterung über das Ende eines üblen Diktators, Empörung über den Völkerrechtsbruch des US-Präsidenten und die Sorge über die Konsequenzen derartiger Machtpolitik, all das kann nebeneinander existieren.

„Erleichterung über das Ende eines üblen Diktators, Empörung über den Völkerrechtsbruch des US-Präsidenten – all das kann nebeneinander existieren.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.

„Erleichterung über das Ende eines üblen Diktators, Empörung über den Völkerrechtsbruch des US-Präsidenten – all das kann nebeneinander existieren.“

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