Odyssee mit dem Lkw

„Wir fühlten uns behandelt wie der letzte Dreck“, umschreibt Lkw-Fahrer Andreas Seeber seine Odyssee.  VN

„Wir fühlten uns behandelt wie der letzte Dreck“, umschreibt Lkw-Fahrer Andreas Seeber seine Odyssee.  VN

Andreas Seeber musste Heiligen Abend im Laster verbringen.

Doren Die jüngsten Weihnachten werden Andreas Seeber (45) wohl immer in Erinnerung bleiben. Der Kraftfahrer musste nämlich den Heiligen Abend im Laster der Spedition von Gerhard und Thomas Vögel aus Doren verbringen. Den Jahreswechel durfte Seeber endlich wieder mit Tochter Hanna (17) und Sohn Stephan (24) feiern. Am Weihnachtsabend hatten seine Kinder vergeblich auf ihren Vater in Wiesing im benachbarten Tirol gewartet. Nachdem er in Vorarlberg produzierte Waren auf den Inselstaat gebracht hatte, steckte Seeber nämlich kurz vor dem Weihnachtsfest in einer mit mehr als 40 Kilometern Länge rekordverdächtigen Lkw-Kolonne in Großbritannien fest und teilte damit das Schicksal von mehr als 4000 Lastwagenlenkern aus aller Herren Ländern. Schuld an der Misere: Eine sich in Großbritannien ausbreitende neuartige, deutlich ansteckendere Mutation des Coronavirus.

Nur ein WC alle 13 Kilometer

Auch nach dem Wieder-Öffnen der britischen Grenze zu Frankreich mussten Tausende Fahrer bei schlechter Nahrungsversorgung und vielfach ohne Zugang zu sanitären Anlagen, einen Coronatest und die Ausreisegenehmigung ausharren. Und diese war freilich nur mit einem negativen Testergebnis möglich. „Wir waren die Leidtragenden eines Streits zwischen der EU und Großbritannien und fühlten uns behandelt wie der letzte Dreck“, nimmt sich Andreas Seeber im Gespräch mit den VN kein Blatt vor den Mund. Die Stimmung in der Kolonne beschreibt er rückblickend als explosiv. „Vielen von uns ging das Wasser aus, sie konnten sich nicht mehr waschen, und WCs waren entlang der Kolonne nur alle dreizehn Kilometer zu finden. Die meisten sahen sich dazu gezwungen, ihre Notdurft neben oder unter dem Lkw zu verrichteten. Und wer sich von seinem Laster entfernte, dem drohte eine Strafe von 200 Pfund.“

Auch die Verpflegung fiel karg aus: Kartoffelchips, ein Schoko­riegel und ein Toastbrot. Ohne die Hilfe seiner Chefs hätte Seeber wohl noch länger das Schicksal Tausender Brummi-Fahrer teilen müssen. „Gerhard und Thomas Vögel hatten nicht nur einen Coronatest in Großbritannien für mich organisiert. Sie setzten sich am 24. Dezember auch ins Auto und fuhren mir entgegen.“ An der Grenze zu Belgien wurden die Fahrzeuge gewechselt: Thomas und Gerhard Vögel übernahmen den Lkw, Seeber setzte sich ans Steuer des Autos und konnte so ziemlich am Ende seiner Kräfte am 25. Dezember um 8 Uhr früh bei seiner Familie sein. „Ich bin meinen Chefs sehr dankbar für ihren persönlichen Einsatz“, erzählt der zweifache Vater und verweist auf eine Frage, die Vögel in sozialen Medien stellte: „Wurde hier unter Zuhilfenahme von Corona eine Machtdemonstration der Politik auf den Rücken vieler unschuldiger Lkw-Fahrer ausgetragen?“ VN-TW

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