Die verwundete Seele eines Mobbingopfers

von Martina Kuster
Marcel wurde wegen seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung gemobbt.  VN/Kum

Marcel wurde wegen seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung gemobbt.  VN/Kum

Mit 13 bemerkte Marcel, dass er homosexuell ist. Er hatte kein Problem damit, die anderen schon.

Schwarzach Marcel (24) wuchs in einem 700-Seelendorf in Deutschland auf. Sein Vater war nicht oft daheim, weil er in Österreich arbeitete. Seine Mutter war ebenfalls berufstätig. Marcel war 13, als ihm klar wurde, dass er homosexuell ist. „Das war in Ordnung für mich. Ich machte mir darüber keine Gedanken.“

Burschen schlugen ihn zusammen

Aber als seine Mitschüler bemerkten, dass er homosexuell ist, begann für Marcel der Terror. Wenn der Schüler nach Hause ging, passte ihn eine Gruppe von Burschen regelmäßig ab. „Sie spuckten mich an und traten auf mich ein“, erinnert sich Marcel mit Unbehagen an seine Peiniger. „Einmal verletzten sie mich derart, dass sich meine Rippen verschoben.“

Mit seinen Eltern wollte er nicht über die Gewalt, der er ausgesetzt war, und seine Seelenqualen reden. „Ich vertraute mich ihnen nicht an. Aber ich beschwerte mich beim Direktor. Der meinte, ich solle nicht so empfindlich sein.“ Marcel weinte viel in dieser Zeit. Er war ja nicht nur mit den Schwierigkeiten eines Heranwachsenden konfrontiert, sondern auch mit extremem Mobbing.

Er verlagerte seinen Fokus auf die Karriere. Doch auch da lief es zunächst nicht rund, weil die schmerzhafte Vergangenheit ihn immer wieder einholte und er manchmal psychisch instabil und körperlich angeschlagen war. 2010 zog Marcel aus dem Dorf weg, das ihm so viel Ungemach bereitet hatte und zu seinem Vater „ins offenere Vorarlberg“. Hier schloss er das Poly ab. Beruflich sah sich der junge Mann im Büro. Marcel suchte vergeblich nach einer Lehrstelle. „Im Zeugnis hatte ich zwar in den kaufmännischen Fächern gute Noten. Aber keiner wollte jemanden aus der dritten Leistungsgruppe aufnehmen.“

Schule verlassen

Als Alternative begann er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, brach diese aber ab, „weil ich merkte, dass es nicht das Richtige für mich war“. Danach besuchte er in Lindau die Berufsfachschule für Kinderpflege. Aber bereits nach einem halben Jahr verließ er die Schule. „Zwei Mitschülerinnen aus dem Bregenzerwald beschimpften mich wegen meiner Homosexualität.“ Erneut Mobbingopfer zu sein – das verkraftete Marcel nicht. Deshalb strich er die Segel.

Sein beruflicher Weg führte ihn weiter in ein Möbelhaus. „Dort saß ich als Lehrling den ganzen Tag an der Kassa. Ich war überlastet, die Verantwortung war mir zu groß.“ Danach arbeitete er ein Jahr lang als Praktikant im Büro einer Metallfirma. „Das taugte mir. Ich habe ein neues, digitales Programm aufgebaut.“ Hier erlebte Marcel zum ersten Mal, dass seine Arbeit wertgeschätzt wurde. Das tat seinem Selbstbewusstsein gut. „Ich hätte in dieser Firma als CNC-Fräser bleiben können. Doch ich bin kein Handwerker.“Und wieder begab sich der junge Mann auf Arbeitssuche. Er versandte viele Bewerbungen, aber ohne Erfolg. Den Mut verlor Marcel trotzdem nicht. Er dachte sich: „Wenn ich den Job nicht bekomme, dann ist es nicht der Richtige für mich.“ Zwei Jahre war Marcel ohne Arbeit. Dann schickte ihn das AMS zu Carla-Logistik, einer Einrichtung der Caritas, die Menschen auf Jobsuche einen befristeten Arbeitsplatz anbietet. Dort bekam er eine einjährige Anstellung im Bereich Back-Office, damit er fehlende Praxismonate für die außerordentliche Lehrabschlussprüfung „Bürokaufmann“ erwerben konnte. Zunächst war die 40-Stunden-Arbeitswoche eine Herausforderung für ihn, aber nach Anfangsschwierigkeiten meisterte er diese gut. Im November 2019 bestand Marcel die Lehrabschlussprüfung „Bürokaufmann“ mit gutem Erfolg. Marcel war „endlich am Ziel“.

Neuen Mut gefasst

Derzeit ist der 24-Jährige auf Arbeitssuche. „Ich weiß, was ich kann und bin überzeugt, dass ich meinen Platz finde“, sprüht er vor Optimismus. Sein neues Selbstbewusstsein hat sich auch in seinem Aussehen niedergeschlagen. „Ich habe 22 Kilo abgenommen.“ Als sich auch noch jene Menschen, die ihn einst zusammenschlugen, bei ihm entschuldigten, war das wie Balsam für seine verwundete Seele. Wohl tut ihm auch die Unterstützung seiner Eltern, die immer zu ihm gehalten haben. Mit 16 outete er sich bei ihnen als schwul. Die Reaktion seiner Mutter vergisst er nicht mehr. „Sie sagte: ,Ich hab’s doch gewusst. Jetzt trinke ich erst Mal einen Schnaps.‘“

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