Kolumne

Monika Helfer

Alles weiß

Als Schülerin träumte ich von Paris, sah mich im Café de la Paix sitzen und so tun, als gehörte ich dazu. Aber ich hatte kein Geld.

Ich erkundigte mich nach einer Arbeitsstelle für die Ferien.

Eine junge Familie suchte für das neue Haus eine Hilfe, die Frau war schwanger mit Zwillingen, sie wollte mit ihrem Mann verreisen und würde zurückkommen, wenn das Haus fertig eingeräumt wäre. Das Haus war neu, durchgeputzt, Kisten standen in jedem Zimmer zum Auspacken bereit. Ich sollte für ein gutes Taschengeld dafür sorgen.

„Was verstehen Sie unter gutem Taschengeld?“, fragte ich die Frau, die dabei war, ihren Bauch zu streicheln. Es käme darauf an, wie gut ich meine Pflicht erfüllt hätte. Ich willigte ein, schließlich war Paris meine Verlockung.

Sie gaben mir den Schlüssel. Ich sah die vielen Kisten und auf jeder eine Anweisung, was mit dem Inhalt zu geschehen hätte.

Weißes Geschirr stand bereit, ich sollte es waschen und dann einräumen. Töpfe, Besteck. Ich holte ein frisches Tuch und begann. Die Küche war gut aufgeteilt, so fand ich für jedes Ding einen Platz. In einer Schachtel lagen Vorhänge, ich musste die Haken einfädeln und sie an den Fenstern anbringen. Weiße Spitzenvorhänge in der Küche. Fertig. Es sah alles unbefleckt aus. Dann das Kinderzimmer. Es machte mir Freude, die kleinen Sachen einzuräumen, für den Bub alles in Weiß, für das Mädchen alles in Rosa. Die Wiege sah aus wie im Lesebuch. Wieder weiße Vorhänge aus Spitze. Eine Occasion vielleicht?

Im Elternschlafzimmer überzog ich die Betten, nachdem ich, wie angeordnet, das neue Bettzeug gewaschen hatte. Weiß. Vorhänge aus Spitze und weiß. Sehr feierlich. Ich stellte mir die beiden im Ehebett vor, die schwangere Frau und den korpulenten Mann in weißer Nachtwäsche.

Es gab überhaupt nichts Gebrauchtes in diesem Haus. Der Salon, in Weiß gehalten mit den üblichen Vorhängen, Regale in Weiß. In einem Karton waren Bücher verstaut. Klassiker-Gesamtausgaben im Schuber. Wahrscheinlich zur Zierde. Ich sah zwei heranwachsende Kinder mit marmeladeverschmierten Händen ins Weiße greifen.

An einem Vormittag kam der Elektriker und montierte alle Lampen, es war ein junger Mann, der mit mir flirtete. Wir saßen im Wohnzimmer, und er sagte, er hätte Lust, mit seinen Fingern ein paar Abdrücke zu hinterlassen. Er kaufte Bier, für mich Cola. Ich fragte ihn, was ich mit den leeren Schachteln tun sollte, und er sagte, ich schaffe sie dir in den Keller, dort stören sie nicht.

Das Ehepaar kam zurück und lobte mich. Die Frau sah die Kartons im Keller und sagte: „Da gibt es Abzug, die hättest du zerstampfen und entsorgen müssen.“

Sie gab mir Geld, und als sie sich von mir wegdrehte, drückte mir ihr Mann noch einmal denselben Betrag in die Hand. Ich war zufrieden.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Ich willigte ein, schließlich war Paris meine Verlockung.

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