osterkommentar. Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien

Von den Zeugen der Auferstehung

Der in Schruns aufgewachsene Kardinal Christoph Schönborn (69) deutet für die VN das Osterfest 2014. Foto: APA
Der in Schruns aufgewachsene Kardinal Christoph Schönborn (69) deutet für die VN das Osterfest 2014. Foto: APA

In seinem Roman „Monsignore Quijote“ schildert Graham Greene den Albtraum eines spanischen Dorfpfarrers: „Er hatte geträumt, dass Christus von Heerscharen von Engeln vom Kreuz errettet worden war … Es gab also keine Todesqual, kein schwerer Stein musste weggerollt werden, kein leeres Grab wurde entdeckt. Padre Quichote … beobachtete, wie ein triumphierender Christus vom Kreuz herunterstieg, von der Menge umjubelt. Die römischen Soldaten … knieten vor ihm, und das Volk von Jerusalem strömte den Hügel empor, um ihn anzubeten. Die Jünger umdrängten ihn, von Glück erfüllt. Seine Mutter lächelte unter Freudentränen. Nichts blieb mehrdeutig, nirgends war Raum für Zweifel und nirgends Raum für den Glauben. Alle Welt wusste mit Bestimmtheit, Christus war Gottes Sohn.“ (Zitiert nach Veronika Prüller-Jagenteufel, „Den Weg zur Auferstehung weitergehen“, Münsterschwarzach 2010, S. 141). Das war der Alptraum des kleinen spanischen Dorfpfarrers: Kein Raum bleibt mehr für Zweifel, kein Platz für Fragen, alles ist entschieden, alles bewiesen, eindeutig und klar. Jeder und jede muss zustimmen, es gibt keinen Ausweg. Die Wahrheit des Christentums ist dann zwingend, so gewiss wie zwei und zwei gleich vier ist. – Das ist ein Alptraum. Aber Gott wollte nicht diesen Weg gehen.

Gott wollte einen Weg gehen. Wer einen Weg geht, ist unterwegs. Auf dem Weg gibt es Mühen, Fragen, Suchen, Zweifel und Streit. Auf dem Weg gibt es Rückfall und Weitergehen, „trial and error“. Gott hat sich auf den Weg gemacht. Jesus ist zu uns gekommen, als Mensch, daher auf dem Weg: Gott in einer Menschengeschichte. Und Jesus hat Menschen in diese Geschichte mit hineingenommen. Er wusste um das Ziel, aber er ist den Weg dorthin mit ihnen gemeinsam gegangen. Er hat sie nicht gezwungen, nicht wie Marionetten geführt, sondern sie als Weggefährten mitgenommen. Sie durften am Weg lernen, wachsen, allmählich mehr verstehen. Sie durften ihn kennen­lernen, seine Freunde werden. Es war nicht so, dass sie unbedingt diesen Weg wählen mussten, sie durften ihn frei wählen. Freilich hatten sie gehofft, dass es ein erfolgreicher Weg sein wird, ein triumphaler Weg, an dessen Ende ein mächtiges Gottesreich auf Erden steht. Sie begriffen damals nicht, dass Jesus einen Leidensweg ging. Bis heute begreifen wir das nur schwer. Er musste ganz bewusst den Leidensweg gehen. Den zwei Jüngern auf dem Emmausweg erklärt Jesus: „Musste nicht der Messias all das erleiden?“ (Lk 24,26).

Ja, der Weg der Auferstehung musste ein Weg des Kreuzes sein. Aber sie machten auf diesem Weg die Erfahrung, dass ihnen das Herz brannte, als er ihnen am Weg erklärte, warum das so kommen musste. Die Kirche kann keinen anderen Weg gehen, als den, den Jesus sie führt. Wenn sie diesen Weg nicht gehen will, macht sie die schmerzliche, zugleich aber heilsame Erfahrung, dass der Herr sie auf diesen Weg zurückführt, reinigend, läuternd, behutsam, liebevoll.

Die Kirche will keinen anderen Weg gehen als Jesus gegangen ist. Natürlich wollen wir angesehen sein. Wir wollen von den Medien geschätzt werden. Wir wollen einen guten Ruf haben. Wir wollen, dass man uns lobt, dass man sieht, was wir alles Gutes tun – und die Kirche tut viel Gutes. Das Kreuz schreckt uns. Das Versagen enttäuscht und die Sünde beschämt uns. Doch Jesus will uns diesen Weg führen. Es ist nicht unsere Aufgabe, vom Versagen in unseren Reihen wegzuweisen und zu sagen: Schaut, bei den anderen gibt es das ja auch. Nein, das ist nicht unser Weg. Unser Weg kann nur der sein, den Jesus seine Apostel geführt hat. Sie haben ihn alle verlassen. Petrus hat ihn verraten, aber in Reue ist er ihm neu begegnet. Er gewann die Gewissheit: Es gibt einen Neuanfang. Der Auferstandene hat sich zuerst den Frauen gezeigt und dann den verschreckten Jüngern. Diese kleine Weggenossenschaft Jesu: sie sollen Zeugen seiner Auferstehung sein.

Warum hat er sich nur einigen gezeigt, nur „den von Gott vorherbestimmten Zeugen“, wie die Apostelgeschichte (10,41) sagt? Was ist das für eine seltsame Methode? Warum hat Jesus diesen Weg gewählt und nicht den Weg der großen Öffentlichkeit? Warum hat er, wenn ich so sagen darf, diese Schwäche in seine Bewegung eingebaut, dass man immer sagen kann: „Ja, das haben nur wenige gesehen“?

Das hat zutiefst mit dem Reich Gottes zu tun, das Jesus selber gebracht hat. Es ist kein allgemeines, theoretisches Phänomen, sondern etwas Persönliches. Jesus hat sich persönlich einigen Einzelnen, einer kleinen Gemeinschaft gezeigt. Er hat diesen Weg gewählt, um die frohe Botschaft bekannt zu machen. Das ist die Methode Jesu: Verkündigung kann über den Weg des persönlichen Zeugnisses gelingen. Nur davon, was ich persönlich erlebt habe, kann ich glaubwürdig Zeugnis geben.

„Unmöglich können wir schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“, werden die Apostel nach Pfingsten vor dem Hohen Rat sagen (Apg 4,20). Weil wir es gesehen und erfahren haben, weil wir es erlebt haben, deshalb können wir unmöglich darüber schweigen. Die persönliche Erfahrung ist der Weg, den Jesus gewählt hat. Wenn wir das ganz profan von der Werbewirksamkeit her betrachten, ist das zweifellos die beste Methode. Denn zwischen uns Menschen ist nichts besser, nichts wirksamer, als persönlich über das selber Erlebte und Erfahrene zu sprechen. Wir kommen ja auch nicht „allgemein“ auf die Welt, sondern werden geboren von einer Mutter. Wir kommen immer auf einem ganz persönlichen Weg ins Leben. Es ist mein Weg, so wie jeder Mensch seinen eigenen Weg hat.

Im Glauben können wir darüber sprechen. Das Reich Gottes ist nicht eine Theorie, sondern es ist eine Lebenserfahrung. Diese Erfahrung gelungenen Lebens sollen wir weitergeben. Damit das gelingt, müssen wir das Leben freilich selber erfahren haben. Jesus sagt: „Maria!“ – Sie antwortet: „Rabbuni!“ Das ist der Weg, den Jesus gewählt hat: „Maria!“ Jeder wird persönlich angesprochen (Joh 20,16).

Allein mit den Mitteln der Werbung können wir das Christentum nicht glaubhaft verkünden. In Europa geht eine bestimmte Zeit der Christenheit zu Ende. Diese Zeit hat Großartiges hervorgebracht. Eine ganze Kultur hat die persönliche Erfahrung getragen. Heute muss es umgekehrt sein. Heute muss die persönliche Erfahrung eine neue Kultur generieren, eine christliche Kultur tragen. Die europäische Gesellschaft trägt nicht mehr oder nicht mehr so stark von ihrer Tradition her. Deshalb müssen wir uns heute fragen: Was ist meine Erfahrung? Wie bin ich zum Glauben gekommen? Wie kann ich über meinen persönlichen Glaubensweg Zeugnis geben? Kann ich, wie Maria von Magdala, mir von Jesus sagen lassen: „Geh, und sage meinen Brüdern und Schwestern, dass ich lebe! Gib ihnen Zeugnis!“ (vgl. Joh 20,17)

Die Frage, die wir Christen uns zu Ostern stellen müssen, lautet: Wie bin ich, wie bist du, wie sind wir zum Glauben gekommen? Wenn die Begegnung mit dem Auferstandenen für uns eine persönliche Erfahrung ist, dann können wir glaubwürdig und wirksam darüber reden. Dann ist unsere Aufgabe heute: Machen wir uns den Grund unseres Glaubens bewusst! Machen wir uns bewusst, wie wir Jesus, dem Auferstandenen, begegnet sind! Sprechen wir darüber, sagen wir es anderen weiter!

Trotz ihres Verrats, trotz ihres Versagens, hat er diese Jünger zu Zeugen seiner Auferstehung gemacht. Das ist heute noch so. Diese Kirche, die so viele Fehler in ihren eigenen Reihen erkennt, die aber auch, ohne zu jammern, ungerechte Pauschalurteile erträgt, diese Kirche will Jesus als Zeugin seiner Auferstehung.

Gerade diese Kirche, die gebeutelt und gedemütigt ist, hat Jesus so geliebt, dass er ihr zutraut, auch heute Zeugin der Auferstehung zu sein.

Heute muss die persönliche Erfahrung eine neue Kultur generieren, eine christliche Kultur tragen. Die europäische Gesellschaft trägt nicht mehr.

Gott wollte einen Weg gehen. Wer einen Weg geht, ist unterwegs. Auf dem Weg gibt es Mühen, Fragen, Suchen, Zweifel und Streit.

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