Fragment, Erinnerung und Materie

Eine Gegenüberstellung von Markus Proschek und Bianca Phos im Kunstforum Mantafon.
Schruns Gegenüberstellungen bieten Künstlerinnen und Künstlern immer wieder die Gelegenheit, sich neu zu definieren und präzise zu verorten. Besonders reizvoll ist es, zu beobachten, wie zwei eigenständige künstlerische Positionen zunächst getrennt und dann im Dialog auf den konkreten Ausstellungsraum reagieren und ein Spannungsfeld erzeugen, in dem sich die jeweilige Qualität der Arbeiten entfalten kann. In der Ausstellung „Discard a Shape at Last“ im Kunstforum Montafon wird anhand von Skulptur und Malerei erörtert, wie sich die Spuren traumatischer Ereignisse in ein visuelles Vokabular übersetzen lassen: in verworfene Formen, Fragmente und Leerstellen, die sich nicht mehr zu einem ursprünglichen Ganzen fügen lassen und gerade darin ihre Aussagekraft gewinnen.
Zwischen Täuschung und Bruch
Markus Proschek (*1981) bezieht sich in seinen Gemälden, die häufig in aufwändiger Trompe-l’œil-Technik ausgeführt sind, auf das Spannungsfeld zwischen Ästhetik, Geschichte und Ideologie. Die Trompe-l’œil-Technik ist eine Malweise, deren Ziel es ist, das Auge zu täuschen. Gemeint ist eine extrem realistische Darstellung, bei der durch präzise Perspektive, Lichtführung, Schatten und Detailgenauigkeit der Eindruck entsteht, das Gemalte sei dreidimensional oder real vorhanden, obwohl es sich um eine zweidimensionale Fläche handelt. Seine Arbeiten lassen sich als Geschichts- und Nachbilder lesen, ohne dabei einer Historienmalerei im Sinne des 19. Jahrhunderts zu folgen.
Keine „große Erzählung“ wird hier in den Dienst einer ideologischen Setzung gestellt. Vielmehr brechen Referenzen ab, widersprechen einander und verselbstständigen sich in fragmentarischen Assoziationsketten. Durch die bewusste Hervorhebung von Bruchstücken und Fehlstellen geraten Strategien einer einheitlichen Zeit- und Geschichtsschreibung ins Wanken und werden durch ein instabiles Sediment aus Schichtungen, Ebenen und Verweisen auf Abwesendes ersetzt. Der kühle, kontrollierte Blick der Maltechnik steht dabei nicht selten im Kontrast zum Gegenstand der Darstellung. Sichtbar werden Artefakte, in die sich Spuren versuchter Auslöschung eingeschrieben haben, ebenso wie gemalte Konfliktflächen, die für die Betrachter:innen in eine Ästhetik der Zerstörung übersetzt sind. Geschichte erscheint so als kontinuierlich nichtlinearer Prozess, als fortwährend durch Auslassung und Ergänzung umgestaltete Oberfläche, als eine „lange Gegenwart“.
Zwischen Kosmos und Technik
Bianca Phos (*1985) untersucht in ihrer interdisziplinären Praxis, wie sich in organischen, technischen und geologischen Materialien Formen von Verletzung, Speicherung und Transformation einschreiben. In der eigens für das Kunstforum Montafon entwickelten Rauminstallation wird Materie selbst zum handelnden Akteur. Eine schlangenartige Metallstruktur folgt der Kontur des Nördlinger Ries, jener topografischen Narbe, die vor 14,6 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. In mundgeblasenen Glasröhren werden unterschiedliche Sande aufbewahrt: industrielle Silikate natürlichen und künstlichen Ursprungs, wie sie in der Sandstrahltechnik zur abrasiven Bearbeitung von Oberflächen Verwendung finden.
Glas und Sand verdichten sich in diesen Röhren zu sedimentierten Materialkörpern im Übergang, zugleich zerriebenes Gestein, kosmischer Rest und technisches Werkzeug. Auch die aus Fragmenten von Sandpapier geätzte Radierung erscheint wie eine Landschaft aus Abrieb, Berührung und Materialverschiebung. In all diesen Elementen wird Sand zu einem instabilen Gefüge aus Speicher, Fragment und Drift, in dem geologische Vergangenheit, industrielle Bearbeitung und mögliche Zukunft ineinander übergehen und sich fortwährend neu ordnen. vn-ama
Informationen
Samstag, 17. Jänner, 17.30 Uhr „no filters, no games, no tricks“, Solokonzert mit Ghenadie Rotari, Akkordeon
Mittwoch, 28. Jänner, 14 – 16.30 Uhr kunstKINDERkunst – Workshop mit Helene und Franz Rüdisser
Öffnungszeiten Mittwoch bis Freitag und Sonntag 16 – 18 Uhr, Eintritt frei
Ausstellungsdauer bis Sonntag,
8. Februar 2026
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