Kommentar

Gerald Matt
Gerald Matt

Warum die Kunst die Schönheit wieder braucht

„Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben…wird für keinen Dienst auf Erden taugen…“, dichtete August von Platen. Und Oskar Wilde spöttelte: „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild.“ Uber diese melancholische Erhebung des Schönen und Wildes provokanten Ästhetizismus legte später Pierre Bourdieu den soziologischen Schleier: Schönheit sei keine metaphysische Gabe, sondern ein erlerntes Erkennen dessen, was kulturell als „legitim“ gilt. Drei Stimmen, die belegen, in welcher Zwickmühle die zeitgenössische Kunst steckt: Schönheit scheint zugleich unverzichtbar und untragbar – gleichzeitig, zu elitär, zu zwecklos, zu unpolitisch. Tatsächlich herrscht im gegenwärtigen Kunstdiskurs eine tiefe Skepsis gegenüber dem Schönen. Auf Biennalen, in großen Ausstellungshallen und kulturpolitischen Programmen dominiert die Erwartung an Kunst, politisch korrekt, engagiert, dekolonial, divers und gesellschaftlich sensibilisiert zu sein. Kunstwerke, die „für keinen Dienst auf Erden taugen“, geraten unter Generalverdacht: Eskapismus! Privileg! Unpolitische Flucht! Die alte Idee der l’art pour l’art, der autonomen Schönheit, der Moment, in dem das Schöne ohne das Gute auskam, wirkt heute beinahe anstößig. Die Zwecklosigkeit der Kunst, die Unbestimmtheit, die verführerische Funktionslosigkeit des Schönen, wurden längst zum Vorwurf.

Ja, Schönheit ist, biologisch wie kulturell, ungerecht verteilt; sie widersetzt sich der Tugend ebenso wie politischer Korrektheit. Gerade diese Autonomie macht sie verdächtig – und zugleich kostbar. Roger Scruton sprach von einer „ästhetischen Bilderstürmerei“, die „dünne Stimme der Schönheit“ gehe im Lärm moralischer Erziehungsprogramme des Kulturbetriebes unter. Die moderne Kunst hat sich dabei selbst in ein Dilemma manövriert. Seit dem 19. Jahrhundert, so erinnert Konrad Paul Liessmann, gilt das Schöne als fragwürdig. Nicht das Erhebende oder Formende wird gesucht, sondern das Irritierende, Politische, Dekonstruktive. Kunst soll rütteln, belehren, korrigieren, sensibilisieren – als wäre sie ein pädagogisches Werkzeug, nicht ein eigenständiger Erfahrungsraum.

Doch Schönheit war immer mehr als Dekor. Sie verteidigt eine grundlegende Grenze: Kunst hat mit dem Leben zu tun, aber sie ist nicht das Leben. Wer sie zu sehr auf gesellschaftliche Funktionen festlegt, macht sie abhängig von Kriterien, die nicht die ihren sind. In Wahrheit ist die Schönheit vielleicht die letzte subversive Kraft der Kunst. Denn die Forderung nach politischen Botschaften ist erwartbar, berechenbar, institutionell anschlussfähig, ja banal. Schönheit hingegen verlangt nichts – außer Aufmerksamkeit. Sie entzieht sich dem moralischen Zugriff, verführt, ohne Zweck, ohne Auftrag. Und gerade darin liegt eine Freiheit, die heute rar geworden ist.

„Alle Kunst ist politisch“ stimmt nur dann, wenn man Politik so weit fasst, dass jede Form der Welterzeugung politisch wird. In der Kunst heute scheint es zunehmend politisch mutiger zu sein, nicht zu moralisieren. Vielleicht besteht der letzte Rest von Freiheit der Kunst genau darin, schön sein zu dürfen. Nur eine Kultur, die das Schöne nicht länger unter Verdacht stellt, wird wieder begreifen, was Scruton meinte: „Durch das Streben nach Schönheit gestalten wir die Welt als ein Zuhause.“ Und vielleicht ist das, in Zeiten lauter moralischer Gewissheiten, der revolutionärste Akt.

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

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gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

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