Unsterblichkeit erringen, erfordert zu sterben

„Space Boy“
Frank Schätzing,
Kiepenheuer & Witsch,
394 Seiten
Am 10. Jänner 2026 jährt sich der Todestag von David Bowie zum zehnten Mal.
SchwarzachFragt man heute einen Menschen nach seiner Haltung zu David Bowie und er weiß nicht so recht wie zu antworten, muss er entweder sehr jung sein oder hat das Universum Pop im letzten Jahrhundert nicht aufgesucht: David Bowie war drei Jahrzehnte einer der größten Stars des Pop Himmels und seit den 1970ern die Antithese zu Rock und der Erfinder von Pop. Jedoch schon beim ersten Gedanken rutscht man aus, wenn man Bowie dingfest machen will. Hätte er denn als Anti-Rocker die Stooges produziert? Das Pop-Chamäleon, schon zu Lebzeiten eine Legende, hat eben viele Farben und an dieser Farbenpracht erfreuen sich nun die Bowie-Fans und Biographen Frank Schätzing und Frank Kelleter.
Skandale bleiben aus
Frank Schätzing, geschätzter Thriller- und Sachbuch-Autor, hat sich hier einiges angetan. Er denkt über Bowie und über sich nach. Er durchlebt in seinem Roman „Space Boy“ seine Fan-Star-Jugend und schaut immer wieder gerne bei seinem immer mehr zum Kumpel werdenden Idol vorbei, dazu mischt er Biographisches des Ausnahmekünstlers. So kann man den Roman „Space Boy“ schon über die Bande spielen und Parallelen finden. Sein erster epochaler Flash war David Bowies „Starman“-Auftritt am 6. Juni 1972, im BBC-Musikformat „Top of the Pop“, das im TV schlug: Intuitiv und „noch nie so gewesen, begreift er mit dem TV-Publikum zu kokettieren und greift in die 80er-Jahre, ins Videozeitalter vor. Alle angesagten Musiker der nächsten Generation wie Bono, Boy George, Adam Ant, Robert Smith, Morrissey oder Siouxsie Sioux sitzen vor der Glotze, ziehen sich seine Drag-Act-Show hinein und werden sich später deklariert darüber zu Wort melden, sich auf den wegweisenden 1970er-Bowie beziehen, wenn dieser in den 1980er-Jahren bereits wieder auf einem ganz anderen Planeten ist, beispielsweise auf „Let’s Dance“ braun gebrannt, im Anzug, zum cleanen Tanz der Yuppies einlädt.
Beim „Starman“, wo es Schätzing erstmals so richtig mitnimmt, steigt Frank Kelleter ins Erlebnis David Bowie ein. Sein Buch erscheint in der Reclam-Reihe „100 Seiten“, wo Zeitgenossen, von Kafka bis Nirvana, limitiert auf 100 Seiten, aus interessanten Blickwinkeln betrachtet werden. Kelleter mischt der Reihe geschuldet, mehr Wissenschaft rein, jetzt nicht unverständlich oder unbequem zu lesen, aber sein akademischer Zugang ist im Gegensatz zu Schätzing immer unterschwellig spürbar – passt auch! Die zwei Bücher weisen naturgemäß starke Parallelen auf, Bowies künstlerischer Werdegang eignet sich eben als roter Faden, dennoch klingt es bei Kelleter eher wie eine Fingerübung, im positiven Sinne eine Diplomarbeit, während Frank Schätzing in „Space Boy“ auch mit seiner Vergangenheit als Person und als Fan Verknüpfungen schaffen muss und schafft. Dass in „David Bowie. 100 Seiten.“ feines Bildmaterial vorzufinden ist, sollte nicht unerwähnt bleiben.
Neue Tonträger sind kaum in Sicht, auch weil Bowie sehr penibel zur Lebzeit viel Studiomaterial als Bonustracks bei Re-releases veröffentlichte. Streamingdienste wie Spotify oder YouTube warten jedoch mit geballter Ladung auf Hörer und wer glaubt schon alles zu haben, könnte auf der Seite davidbowie.com fündig werden: Neben so ziemlich all seinen Tonträgern, die er jemals herausgebracht hat, findet man auch Gewand und Schmuck(!) vor. Wer das Gefühl der alten Zeit haptisch erleben will, wird auf Schallplattenbörsen und im Online-Handel gut bedient. Im ausgewähltem stationären Handel sind auch passable Neupressungen zu kaufen. Die sterbliche Zeit hat der Thin White Duke längst überlebt. MW

„David Bowie.
100 Seiten.“
Frank Kelleter, Reclam Verlag
