Der Schlagzeuger, der Grenzen sprengte

Martin Hämmerle: Ein Musikerleben zwischen Aufbruch, Widerstand und internationaler Karriere.
Bregenz Als sich 1965 in Vorarlberg die Rockband „Die Gamblers“ formierte, war noch nicht abzusehen, dass diese Formation zu einem kulturellen Meilenstein des Landes werden und ein frühes Zeichen musikalischer Emanzipation setzen würde in einer Region, die damals noch stark von Konventionen, bürgerlicher Enge und einer ausgeprägten Skepsis gegenüber allem Neuen geprägt war. Martin Hämmerle stieß früh zur Band und blieb ihr über Jahre eng verbunden. Die Gamblers wurden zur ersten Rockband Vorarlbergs, die nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangte und das Land musikalisch auf die Landkarte setzte lange bevor Pop und Rock hier als selbstverständlicher Teil der kulturellen Identität galten.
Internationale Bühnenjahre
Mit den Gamblers spielte Hämmerle in zahlreichen Lokalen. Anfangs standen der Band viele Türen offen, doch mit dem Wachsen der Szene wurden die Möglichkeiten weniger. Die „Langhaarigen“ galten zunehmend als Gefahr für das sittliche, gottesfürchtige Vorarlberg. Politische Drohgebärden und öffentliche Ablehnung gehörten bald zum Alltag.
Im Zentrum dieses frühen Aufbruchs saß ein Schlagzeuger, der schon damals vieles verkörperte, was Rockmusik ausmacht, und zugleich die Grenzen dessen sprengte, was man sich im Vorarlberg der 1960er Jahre vorstellen konnte. Martin Hämmerle, 1947 in Bregenz geboren und dort aufgewachsen, galt als einer der intelligentesten und zugleich ausgeflipptesten Typen der Szene. Virtuosität und radikale Eigenwilligkeit gingen bei ihm eine Verbindung ein, die ihn rasch zu einer prägenden Figur machte. Legendär wurde nicht nur sein Schlagzeugspiel, sondern auch seine Bühnenpräsenz. Jahrelang nahm er sein Haustier, eine riesige Würgeschlange, mit auf die Bühne, jedoch nicht als kalkulierten Showeffekt, sondern aus Überzeugung. „Sie ist ein unheimlich sensibles Tier“, sagte Hämmerle einmal und sprach damit zugleich über sich selbst. Die Kraft für seine vielbejubelten Schlagzeugsoli holte er sich aus Technik, Disziplin und stundenlangem Yoga, lange bevor Achtsamkeit und Körperbewusstsein zu Modebegriffen wurden. Bis heute übt er täglich, wohl ein Schlüssel zu seiner bemerkenswerten Agilität und Fitness, spielt er doch noch immer in mehreren Bands. Der Weg zu dieser Freiheit war kein einfacher. In der Schule galt Hämmerle als Provokateur. Er trug als einer der Ersten lange Haare, was in jener Zeit als Affront gegen Ordnung und Moral verstanden wurde. Lehrpersonen reagierten mit Misstrauen, strengen Regeln und pädagogischer Härte. Wegen seiner Frisur wurde der junge Hämmerle sogar zum Schulpsychologen geschickt. Rockmusik galt als fremd und als Bedrohung eines vertrauten Lebensstils. Schlagzeug spielen konnte er erst mit 17 Jahren, nachdem er genug Geld gespart hatte, um sich ein eigenes Instrument zu kaufen. Sein späteres Schlagzeugstudium absolvierte er in der Schweiz bei dem US-amerikanischen Jazzperkussionisten Billy Brooks.
Seine Neugier kannte keine Stilgrenzen. Anfang der 1980er Jahre spielte Hämmerle bei der Heavy-Metal- und Hard-Rock-Band Badge, später auch bei den Culture Kings. Dass er anschließend internationale Karriere machte, zeigen die Stationen seines Musikerlebens.
Prägender Lehrer und Mentor
Als Tourneeschlagzeuger von Karel Gott trat er in den USA auf, unter anderem in Los Angeles. Noch heute bewahrt er die weißen Slipper auf, die er damals auf der Bühne trug. Mit der Sängerin Natacha gelang ihm ein Nummer-eins-Erfolg in den Schweizer Charts. Das Album „Stärntaler“ schrieb 1995 Geschichte, als es als erstes Mundartalbum die Spitze der Schweizer Albumcharts erreichte. Über fünfzig Bands prägten sein musikalisches Leben – ein Panorama aus Rock, Jazz, Blues und Pop. Er spielte unter anderem mit Musikgrößen wie Tony Carey, Pete Lancaster und Ginger Baker und arbeitete über zwanzig Jahre mit Künstlern zusammen, die zuvor mit Miles Davis musiziert hatten.
Parallel dazu wurde Hämmerle zu einer prägenden Lehrerfigur. Als das Jazzseminar Dornbirn ab den späten 1970er Jahren an Bedeutung gewann, stieg er 1983 in den Lehrbetrieb ein, der damals noch in der Alten Kochschule in Dornbirn-Oberdorf stattfand. Mit Erfahrung, Energie und unprätentiöser Autorität prägte er Generationen von Musikerinnen und Musikern.
Das reich befrachtete Musikerleben Martin Hämmerles führte ihn rund um die Welt und ist bis heute nicht abgeschlossen. Erfahrung wurde für ihn nie zur Last, Präsenz und Präzision gingen stets Hand in Hand. Sein Schlagzeugspiel stand immer im Dienst der Musik. Vorarlberg hat viele gute Musiker hervorgebracht, doch nur wenige, die so selbstverständlich zwischen Provinz und Weltbühne pendelten und dabei so unverwechselbar sie selbst blieben wie Martin Hämmerle.
Am 25. April kann man den Ausnahmemusiker gemeinsam mit den Gamblers in der Kammgarn in Hard erleben.

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