an bühnen der region. „Arabella“ am Opernhaus Zürich

Sieht nach Operette aus, geht aber etwas tiefer

von Torbjörn Bergflödt
Neuproduktion von „Arabella“ von Richard Strauss unter Robert Carsen und Fabio Luisi in Zürich.  Opernhaus/T. Suter

Neuproduktion von „Arabella“ von Richard Strauss unter Robert Carsen und Fabio Luisi in Zürich.  Opernhaus/T. Suter

Wir wollen doch so geliebt werden, wie wir sind – und das findet auch die Titelfigur der „Arabella“.

ZÜRICH Heiraten und dann am Partner, an der Partnerin herumbosseln, bis alles wunschgemäß passt? So stellen wir uns eine romantische Ehe natürlich nicht vor. Manipulative Nachbehandlungen mit dem Ziel einer Charakteroptimierung nach dem Termin beim Standesamt sind ein No-Go. „Ich kann nicht anders werden, nimm mich, wie ich bin!“, singt auch am Ende der im Jahr 1860 spielenden Oper „Arabella“ die Titelfigur, die ältere Tochter des aus Spielsucht verarmten ehemaligen Rittmeisters Graf Waldner, der mit seiner Familie in einem Hotel notlogiert. Adressat der Botschaft, für die der Komponist Richard Strauss einen ekstatischen Hochton über mehrere Takte gespannt hat, ist der aus einem entfernten Zipfel der Donaumonarchie nach Wien angereiste Edelmann Mandryka. Dieser Herr über Felder und Wälder ist mit einem dicken Portemonnaie ausgestattet und überhaupt ein ganzer Mann, sodass nach allerlei Verwicklungen, die der Librettist Hugo von Hofmannsthal ersonnen hat, ein Happy-End nicht fehlt.

Das sieht nach Operette aus. Aber Hofmannsthal und Strauss hatten doch ehrgeizigere Ziele und loten etwas tiefer in ihrer „Lyrischen Komödie“, die vor viel Nazi-Prominenz im Juli 1933 in Dresden uraufgeführt wurde. Das zeigen in einer Neuproduktion am Zürcher Opernhaus der Regisseur Robert Carsen und der Dirigent Fabio Luisi, indem sie lebendig-mehrschichtige Charaktere herausschälen. Astrid Kessler ist eine Arabella, die nicht irgendwen heiraten möchte, sondern jemanden, den sie wirklich lieben kann. Wobei freilich das Frauenbild ansonsten übel antiquiert wirkt, wie etwa die wiederholte Passage „Und du wirst mein Gebieter sein, und ich dir untertan“ belegt. Kesslers Sopran schwingt weit aus und gewinnt im Verlaufe des Abends an emotionaler Dringlichkeit. Josef Wagner durchmisst den über zwei Oktaven umspannenden Part seines Mandryka mit einem klangvollen Bariton und zeichnet den Mann als edel gesinnten Naturmenschen, der allerdings auch cholerisch poltern kann. Mit leichter Sopranstimme und wendig im Spiel gibt Valentina Farcas Arabellas Schwester Zdenka, die aus Ersparnisgründen als Bub ausgegeben wird.

Deutungsklar und wirksam

Robert Carsen und der Ausstatter Gideon Davey, der eine imposant sich hochtürmende Bühnenarchitektur für die Akte im Hotel und für die Fiakerball-Szene ersonnen hat, wollen die düstere historische Kulisse des Uraufführungsjahres 1933 nicht ausblenden. Man lässt das Stück im Anschluss-Jahr 1938 spielen. Das Glücks-Pathos am Ende wird gegengezeichnet, indem hinter Arabella und Mandryka ein Fascho-Trüppchen Menschen zusammenscheucht und bedroht. Und zum Vorspiel zum dritten Akt wird ein in die Groteske auskeilendes schmissiges Ballett gezeigt mit Tänzern als Nazi-Rabauken. Ob wir die ausdrücklichen Verweise auf Hakenkreuzler zwingend benötigen? Um eine gewisse Nostalgie-Seligkeit des Stückes produktiv zu stören, sind solche Zeichen jedenfalls deutungsklar und wirksam.

Wer der zügig aufspielenden Philharmonia Zürich lauscht, wird womöglich auch hinter den sauber ausmusizierten polyphonen Linien, dem herbeizitierten Volksliedton und den Halbtonwindungen manchmal Ambivalenzen heraushören können, die dieses Werk über ein bloßes Remake des „Rosenkavaliers“ hinaustragen.

Weitere Vorstellungen von "Arabella" (3 Stunden) bis 31. März: www.opernhaus.ch

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