Jetzt sollte es ans Lesen gehen

Olga Tokarczuk und Peter Handke wurde streng nach Protokoll der Literaturnobelpreis verliehen.

Stockholm Der österreichische Schriftsteller Peter Handke besitzt nun offiziell seine Urkunde und seine Medaille, die ihn als Literaturnobelpreisträger 2019 ausweisen: Der 77-jährige Literat erhielt am frühen Dienstagabend gegen Ende der feierlichen Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus die beiden Insignien aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf. Vor Handkes großem Moment waren zuerst die Ehrungen für Physik, Chemie und Medizin vergeben worden, bevor zunächst seine polnische Kollegin Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 bedacht wurde. Sie ist nur eine von drei Frauen (neben Wirtschaftsnobelpreisträgerin Esther Duflo und Medizin-Laudatorin Anna Wedell), die beim Zeremoniell eine Rolle spielen – eine Frauenquote von bloß rund 15 Prozent. Dafür gibt es bei der Preisüberreichung an die polnische Autorin das einzige Mal einen Jauchzer aus dem Auditorium – und anschließend besonders warmen Applaus.

„Ich bin stolz, die 15. Frau zu sein, die den Nobelpreis erhält. Ich bin davon überzeugt, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich Bücher schreibe“, sagte Tokarczuk im Vorfeld der Verleihung. Ihre Auszeichnung widme sie dem Kampf gegen autoritäre Entwicklungen. „Meine spontane Reaktion ist gewesen, diesen Preis der politischen Bewegung in Polen zu widmen“, sagte sie. „Wir sind eine gespaltene Gesellschaft“, sagte sie über ihr Heimatland.

Zu Klängen von Mozart

Nach ihr ist Anders Olsson, der Vorsitzende des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie, mit seiner Laudatio auf Handke dran. Er lässt die Debatte um die Auszeichnung für Handke unerwähnt. Er erinnert an den legendären Auftritt des Schriftstellers vor der Gruppe 47 im Jahr 1966, als er die „Beschreibungsimpotenz“ der Kollegen geißelte, und geht kurz auf die Werke „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „Die Wiederholung“, „Wunschloses Unglück“, „Langsame Heimkehr“ und „Die Obstdiebin“ ein. „Peter Handke hat gesagt, dass nur die Klassiker ihn gerettet und bewahrt haben. Olsson lobte die „bahnbrechende Meisterschaft der Sprache“ eines Autors, der oftmals die Konformität unserer Zeit verweigere. „Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie“, so der Laudator: „Sein Blick ist seine Sprache, er bleibt empfänglich in allem.“ Seine Gesinnung sei antinational, müsse er doch mit dem kulturellen Erbe umgehen, dass seine Heimat Österreich einst von der Nazis besetzt wurde. Mit drei Verbeugungen – in Richtung König, den Mitgliedern der Akademie und Publikum – quittierte Handke traditionsgemäß die Gabe aus den royalen Händen. Danach gab es einen „Liebesgruß“ in Form von Edward Elgars gleichnamigem, beliebten Musikstück, intoniert vom Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter David Björkman. Eingezogen war Handke mit den übrigen 13 Nobelpreisträgern zu den Klängen von Mozarts Marsch in D-Dur.

Es sollte nun ans Lesen gehen. Doch nicht unter den 1560 geladenen Gästen befanden sich die Botschafter des Kosovos, Albaniens, Kroatiens und der Türkei. Deren Regierungen hatten gegen die Verleihung an Handke protestiert. In der Nähe des Konzerthauses gab es Proteste gegen die Würdigung. Bosnische Kriegsopferverbände demonstrierten. Auf einem unweit gelegenen Platz war für 18 Uhr eine Anti-Handke-Demonstration angesagt. Zwischen 200 und 300 Menschen waren gekommen.

<p class="caption">Olga Tokarczuk und Peter Handke bei der Verleihung im royalen Rahmen.  afp</p>

Olga Tokarczuk und Peter Handke bei der Verleihung im royalen Rahmen.  afp

„Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie. Seine Gesinnung ist antinational.“

„Die Auszeichnung widme ich dem Kampf gegen autoritäre Entwicklungen.“

Im Felder-Archiv stand am Dienstag Handkes Werk im Zentrum

Bregenz Es war wohl eine der besten Ideen, die Jürgen Thaler, Leiter des Felder-Archivs bzw. Vorarlberger Literaturarchivs, und Norbert Häfele, Obmann des Felder-Vereins, anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke haben konnten: Bei der Liveübertragung aus Stockholm mit anschließender Diskussion war der Vortragssaal des Archivs in Bregenz am frühen Dienstagabend bis auf den letzten Platz besetzt. Handke hatte sich vor Jahren mit einem Vorwort zur Neuausgabe des Buches „Aus meinem Leben“ von Franz Michael Felder als Autor erwiesen, der die Texte des Bregenzerwälder Schriftstellers und Sozialreformers sehr schätzt. In Bregenz galt es auch nicht der medialen Debatte, die das Schaffen Handkes seit Wochen in den Hintergrund drängt, es galt einem Schriftsteller, der, wie sich Jürgen Thaler im Gespräch mit den VN ausdrückte, mit seinem Werk zeigt, was Literatur leisten kann, was Literatur im Kern ist: „Es geht im wahrhaftigen Sinn darum, durch Sprache eine Welt, die er erfahren hat, mit anderen zu teilen.“

„Ein würdiger Preisträger“

Für jene, die an Handke interessiert sind, seien die letzten Wochen sicher interessant, aber auch enttäuschend gewesen. „Wenn man die Jugoslawien-Texte genau liest, kommt man rasch drauf, dass Literatur eben mehrstimmig und nicht einstimmig ist.“ Zu behaupten, dass sich Handke im Jugoslawien-Konflikt auf die Seite Serbiens gestellt habe, sei, so Thaler, reiner Humbug. Er habe sich gegen ein Bild von Serbien in der damaligen westlichen Presse gestellt. Der Schriftsteller vertrete eine sehr wichtige Position in der deutschsprachigen Literatur: „Keine Frage, für mich ist Peter Handke zu 100 Prozent ein würdiger Literatur­nobelpreisträger.“

Auf die Frage nach einem Lesetipp für jene, die sich mit der Literatur von Peter Handke vielleicht erst vertraut machen wollen, nannte Jürgen Thaler etwa „Die morawische Nacht“, „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und die Notizbücher. VN-cd

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