Lesbar. Empfehlungen von Martin G. Wanko

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Sommerfrauen WinterfrauenChris Kraus, Diogenes,412 Seiten

Sommerfrauen Winterfrauen

Chris Kraus, Diogenes,

412 Seiten

Chris Kraus ist ein Tausendsassa und Ryan Gattis versteht etwas von schwarzen Humor.

Romane „Sommerfrauen, Winterfrauen“ ist wie schon „Das Kalte Blut“, Teil der Biographie von Chris Kraus, aber alles von Anfang an: Ein angehender deutscher Regisseur, Jonas Rosen, wird nach New York geschickt, um dort für seine Diplomarbeit einen Film zu drehen. Der Auftrag ist, einen eher freizügigen Streifen über die Jugend zu schaffen, sein Ausbildner dürfte wohl in der 1968er-Zeit hängengeblieben sein. Es kommt jedoch anders. Der junge Jonas Rosen versucht, das Projekt zu realisieren, holt sich da und dort eine Schramme und verliebt sich auch tatsächlich. Er hat sich aber ein Problem eingeheimst, weil er auch in Deutschland eine Angebetete hat. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der Film nicht sehr in die nichtssagende Zeit der späten 1990er-Jahre reindriften, und das mit sehr viel Sozialkritik. Sehr gut werden aber die prekären Verhältnisse für Künstler und Kunstvermittler in den USA dargestellt. Dazu reibt sich der Autor an der Vergangenheit. William S. Burroughs oder Allen Ginsberg sind kaum mehr als verblasste Fußnoten, und geistiges Kapital war schon damals so viel wert, wie es sich in Dollar ummünzen ließ. Darüber müsste man aber noch keinen Roman schreiben. Wirklich zum Tragen bringt das Buch die Geschichte um die Nazizeit.

Jonas bekommt in New York das Aussageprotokoll einer Freundin der Familie ausgehändigt, die die Kriegsverbrechen seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg in Lettland bestätigen. Das ist nichts für zarte Gemüter, doch genau dieser Bruch mit der selbstverliebten Romanwirklichkeit macht das Buch interessant. Natürlich haben Menschen, die eine belastende familiäre Vergangenheit haben, auch das Recht auf eine eigene, unabhängige Identität, dennoch stellt sich Jonas der Vergangenheit. Ein Roman zwischen Unterhaltung und ernster Literatur sozusagen, eine Mischung, die im nächsten Filmprojekt von Kraus mitspielen könnte und nachdenklich stimmt.

Kein Safe ist sicher

Natürlich wieder zum Nachdenken, aber eben anders ist Ryan Gattis’ Roman „Safe“ gehalten. Es ist ein amerikanischer Thriller. Die Hauptrolle hat Ricky Mendoza inne, sein Spitzname lautet „Ghost“, er ist ehemaliger Tresorknacker und nun im Sold des FBI. Er knackt nun legal Tresore, die bei Verhaftungen sichergestellt wurden. Eines Tages wird sein Herz schwach, die Summe ist zu hoch und er krallt sich die Beute, er will damit Robin Hood spielen und das Geld Personen zur Verfügung stellen, die bei der letzten Immobilien-Misere ihre Existenz verloren hatten. Der ernste Hintergrund: In Ricky Mendoza wächst ein Tumor, der ihn nicht mehr lange am Leben lässt, umso risikoreicher kann er also agieren.

Es ist ein knallharter und äußerst eloquenter Thriller mit viel schwarzem Humor, Coolness, aber auch einem Quantum Kitsch, geschrieben auf Augenhöhe mit Kollegen wie Don Winslow, James Ellroy und Richard Price. Ryan Gattis weiß also über die dunklen Seiten im Menschen Bescheid und kann die Drähte hinter der Puppenbühne sehr gut bedienen.

<p class="quote">Safe</p><p class="infozeile">Ryan Gattis, Rowohlt,</p><p class="infozeile">409 Seiten</p>

Safe

Ryan Gattis, Rowohlt,

409 Seiten

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