Ein Konzert unter Freunden

von Fritz Jurmann
Enrique Mazzola bestätigt am Pult der Symphoniker beschwörend, mit großer Geste seine Position als quirliger Strahlemann vom Dienst.  Foto: BF/Mathis

Enrique Mazzola bestätigt am Pult der Symphoniker beschwörend, mit großer Geste seine Position als quirliger Strahlemann vom Dienst.  Foto: BF/Mathis

Das dritte Symphoniker-Orchesterkonzert kam nach Durststrecke auf Touren.

BREGENZ. Wenn ein Orchester zu Beginn eines Konzerts gleich den Anfang des ersten Stücks verhaut, dann ist die Gefahr groß, dass sich Nervosität wie ein Lauffeuer im ganzen Kollektiv verbreitet. So geschehen am Montag beim dritten Festspiel-Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker im ausverkauften Haus, als ein Musiker aus der vierköpfigen Horngruppe bei einem Jagdsignal danebengriff. Doch nichts weiter passierte außer einem kleinen Wackler der ersten Geigengruppe, denn das Orchester konnte sich wie in einem Sicherheitsnetz gut aufgehoben fühlen: Enrique Mazzola stand am Pult, es war ein Konzert unter Freunden.

Seit einer gemeinsamen China-Tournee im Vorjahr sind die Symphoniker mit ihm ein Herz und eine Seele, wie es nach dem Debüt des Belcanto-Spezialisten im Vorjahr mit dem Donizetti-Requiem und heuer bei Rossinis „Moses in Ägypten“ als Hausoper deutlich wurde. Da herrscht gegenseitiges Verstehen und Vertrauen, die zu besonderen Ergebnissen führen. Das ist am Montag aus den erwähnten Gründen am Anfang noch nicht der Fall, auch weil das Ganze etwas an der Stückwahl krankt. Dass der wenig bekannte französische Komponist Ernest Guiraud einst die Rezitative zu Bizets „Carmen“, der heurigen Seeoper, geschrieben hat, ist ein etwas dünner Vorwand, seine „Chasse fantastique“ hier prominent zu präsentieren, einen aufgeblasenen Verschnitt aus Webers „Freischütz“ und „Ännchen von Tharau“.

Hervorragend erarbeitet

Gott sei Dank gibt es darauf in der etwas altbackenen Konzertform eines „Sandwich-Programms“ das Filetstück in der Mitte und damit neuere Musik, die immerhin auch schon 15 Jahre auf dem Buckel hat. Für das Stück „Cassiopeia“ des persönlich anwesenden Griechen Minas Borboudakis wäre eigentlich Landsmann Constantinos Carydis der authentische Dirigent gewesen. Doch Mazzola als Einspringer hat das Stück in der Kürze mit den Streichern des Orchesters unter Konzertmeister Anton Sorokow hervorragend erarbeitet. Borboudakis‘ Musikwelt pendelt zwischen griechischer Antike und dem Kosmos, passend für eine Vollmondnacht. Hier kreisen die Töne um ein Motiv von drei Sekund-Intervallen, das in stark rhythmischen und sphärisch dichten Passagen mit viel Flageolett einen publikumsfreundlichen Eindruck hinterlässt, ohne jedoch, wie beabsichtigt, auf die Oper „To the Lighthouse“ zu verweisen. Die virtuosen Solopartien dazu liefert in einem gewaltigen Aufbau an Becken, Gongs, Vibraphon und anderen Schallerzeugern der griechische Schlagzeuger Dimitris Desyllas. Er spielt nicht schlechter als der bei uns weit populärere Showman Martin Grubinger, nur ist es halb so lustig, ihm dabei zuzusehen. Desyllas bleibt roboterhaft perfekt ohne jede emotionale Regung. Selbst die Zustimmung des Publikums vermag ihm nicht einmal ein Lächeln zu entlocken.

Publikumsliebling

Im zweiten Teil haben die Symphoniker dann wieder jenes Niveau erreicht, das man bei den ersten beiden Konzerten mit ihren Höhenflügen so bewundert hat. Der fast einstündige Koloss von Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ bietet als farbenfrohes Orchesterporträt reichlich Gelegenheit, in dieser Programmmusik durch alle Register mit Können, Brillanz und französischem Esprit aufzutrumpfen. Besonderheiten dieses Komponisten, der das Pathetische liebte, sind die Fern-Oboe, Röhrenglocken oder die theatralisch aufmarschierenden zusätzlichen drei Paukisten. Enrique Mazzola bestätigt hier mit großer Geste beschwörend seine Position als quirliger Strahlemann vom Dienst, ein neuer Publikumsliebling am Pult. Er formt dieses literarisch eingefärbte Epos zwischen Traum und Wirklichkeit zu einem kompakt disponierten Ganzen, bei dessen Klangballungen das Haus aus den Fugen gerät.

Ein Teil der Zuhörer meint, aus übertriebener Begeisterung zwischen jedem der fünf Teile unerbittlich klatschen zu müssen und lässt sich auch durch Blicke und Andeutungen nicht davon abhalten. Sehr zum Ärger des Publikums, das diese Peinlichkeit aus Unwissenheit oder Provokation als absolut störend empfindet. Dabei hätte es zur Information um zwei Euro Abendprogramme gegeben, die das Werk als geschlossenen fünfsätzigen Zyklus ausweisen. Zumindest der enthusiastische Schlussapplaus ist regelkonform.

Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg: 20. August, 11 Uhr, Festspielhaus. Solisten: Pawel Zalejski, Violine, Piotr Szumiel, Viola, Dirigent: Gérard Korsten (Messiaen, Mozart, Franck)

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