Babyflaute bei gefährdeten Glattwalen

Nach Schätzungen der Wissenschaft gibt es nur noch 450 Nordatlantische Glattwale.  AP

Nach Schätzungen der Wissenschaft gibt es nur noch 450 Nordatlantische Glattwale.  AP

Wissenschaftler sind besorgt.

Savannah Die Nordatlantischen Glattwale zählen zu den gefährdeten Tierarten. Da wird jeder gesichtete Nachwuchs von der Wissenschaft gefeiert. Umso besorgter macht sie eine Geburtenflaute in dieser Saison. Bei Erkundungsflügen über die Gewässer vor den Küsten der US-Staaten Georgia und Florida wurde kein einziger frischer Nachwuchs gesichtet. Eine solche reproduktive Dürre haben die auf diese Tierart spezialisierten Forscher in ihren drei Jahrzehnten von Studien bislang noch nicht erlebt.

„Anfang vom Ende“

Normalerweise bringen Glattwale vor der südöstlichen US-Küste ihre Babys zwischen Dezember und Ende März zur Welt. Seit die Flüge zur Einschätzung des Walbestandes 1989 begannen, wurden pro Jahr durchschnittlich 17 Geburten registriert. Seit 2012 ist die jährliche Zahl bis auf zwei Ausnahmen unterdurchschnittlich. Und nun müssen sich die Wissenschaftler mit der Möglichkeit vertraut machen, dass die derzeitige Saison ohne auch nur eine einzige Geburt zu Ende geht. Barb Zoodsma, die das Programm zur Beobachtung und zum Schutz des Glattwalbestandes im Auftrag der US-Fischereibehörde beaufsichtigt, spricht von einem „Schlüsselmoment“ für die Spezies. „Wenn wir das nicht ernst nehmen und in den Griff bekommen, könnte es der Anfang vom Ende sein.“

Tatsächlich kommt die Nachwuchsflaute zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Nach Schätzungen der Wissenschaft gibt es nur noch 450 Nordatlantische Glattwale, nachdem der Bestand 2017 geschrumpft ist: 17 Tiere wurden tot an die Küsten der USA und Kanadas geschwemmt. Mit nur fünf neuen Geburten konnte das bei weitem nicht ausgeglichen werden.

„Es ist wirklich alarmierend“, sagt der Bostoner Wissenschaftler Philip Hamilton, der Glattwale seit 30 Jahren studiert. Eine kleine Hoffnung gibt es aber noch. Die Forscher werden noch einmal nach Neugeborenen Ausschau halten, wenn die Wale im Frühling in ihre Futtergebiete vor der nordöstlichen Küste zurückkehren.

Möglich ist auch, dass die Glattwale nächstes Jahr die Dürre mit einem Babyboom ausgleichen. Weibchen machen in der Regel zwischen Schwangerschaften drei Jahre oder länger Pause, das heißt, die Geburtenzahlen können von Jahr zu Jahr fluktuieren. Der bisherige Tiefstand liegt bei einer einzigen bestätigten Geburt im Jahr 2000 – gefolgt von 31 neuen Babys 2001. „Wir könnten im nächsten oder übernächsten Jahr wieder Dutzende Geburten haben“, hofft Clay George, der das Walbeobachtungsprogramm in Georgia überwacht. Aber sicher ist das eben nicht, und so halten Wissenschaftler mehr Maßnahmen für nötig, um Glattwale vor dem Tod durch menschliches Verschulden zu schützen. Mindestens vier der 17 Wale, die im vergangenen Jahr verendet aufgefunden wurden, starben bei Schiffskollisionen – und mindestens zwei, als sie in Fischernetze gerieten. Wissenschaftler haben den Verdacht, dass das Verfangen in Fischereinetzen nicht nur eine häufige Todesursache, sondern auch ein Mitgrund für den Rückgang der Geburtenrate ist. Glattwal-Weibchen, die überlebten, seien vermutlich so gestresst, dass Schwangerschaften erschwert würden. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die meisten der weiblichen Glattwale heute keine 30 Jahre mehr alt, was der Hälfte der Lebenserwartung für sie entspricht. Und jene, die im vergangenen Jahr Babys zur Welt brachten – identifiziert durch ungewöhnliche Zeichnungen auf ihren Köpfen –, taten das zum ersten Mal seit sieben oder acht Jahren. Das ist mehr als das Doppelte der üblichen Spanne zwischen Schwangerschaften.

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