Arktis – die überhitzte Klimaanlage der Erde

In knapp 40 Jahren verlor die Region rund 2,84 Millionen Quadratkilometer Meereis. Foto: AP

In knapp 40 Jahren verlor die Region rund 2,84 Millionen Quadratkilometer Meereis. Foto: AP

Die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest des Globus. Die Folgen sind bedrohlich.

Washington. Sie ist so etwas wie die Klimaanlage der Erde: die Arktis. Der eisige Norden spielt eine entscheidende Rolle beim Kühlen unseres Planeten. Doch immer stärker überhitzt er selbst, und zwar schneller als der Rest des Globus. Für Wissenschaftler ist das ein besonders dramatisches Alarmsignal.

Seit Langem schon gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich die Arktis rascher und früher erwärmen würde als die übrige Erde. Messungen geben ihnen inzwischen recht: Es geht etwa doppelt so schnell.

3,6 Grad wärmer als normal

Längst hat die Arktis die 2-Grad-Marke übersprungen, auf die sich die Weltgemeinschaft als absolute Schmerzgrenze der Klimaerwärmung seit vorindustrieller Zeit festgelegt hat. Im vergangenen Jahr war es am Polarkreis etwa 3,6 Grad wärmer als es normal wäre.

Inmitten warmer Luft von oben und warmen Wassers von unten schwinden Gletscher- und Meereis. Schon jetzt sind Menschen und Tiere in der Region von den Folgen betroffen, in Zukunft könnten es riesige Gebiete sein. Fachleute sagen voraus, dass die Auswirkungen der Eisschmelze bis nach Südeuropa oder Florida spürbar sein werden. „Das Schmelzen der Arktis wird uns alle verfolgen“, sagt der Klimaexperte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Satellitenaufnahmen dokumentieren seit mehreren Jahrzehnten den drastischen Rückgang des Meereises in der Arktis. In knapp 40 Jahren verlor die Region rund 2,84 Millionen Quadratkilometer Meereis, eine Fläche wie die drei größten US-Staaten Alaska, Texas und Kalifornien zusammen.

Im Jahresverlauf ist dabei die Ausdehnung des Eises immer im September am geringsten. Im vergangenen Jahr war sie zu dem Zeitpunkt auf einem gefährlichen Tiefstand, 40 Prozent unter dem Tag mit der geringsten Ausdehnung im Jahr 1979. Damals begannen die Satellitenaufzeichnungen.

Eigentlich sollte sich das Eis dann im Winter erholen – das tat es aber in den zurückliegenden Wintermonaten fast nicht. Niedrigrekorde an Eisfläche wurden durchgehend bis zum März gemessen, dem Monat, in dem das Meereis üblicherweise seine größte Ausdehnung erreicht.

Der Winter war zu warm. Drei Mal in den vergangenen zwei Kältesaisonen stiegen die Lufttemperaturen nahe dem Nordpol auf Werte um den Gefrierpunkt. Das war jeweils gut 20 Grad wärmer als es sein sollte. Noch ein Vergleichswert: In der nördlichsten Stadt der USA, in Barrow in Alaska, lagen die Temperaturen zwischen November 2016 und Februar 2017 rund sieben Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.

Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis: Wenn Meereis schmilzt, weicht die weiße hitzereflektierende Masse einer dunklen Wasseroberfläche, die die Sonnenwärme absorbiert, wie der Nasa-Wissenschaftler Waleed Abdalati erklärt, der das Umweltforschungsprogramm an der Universität von Colorado leitet. Die Hitze wird dann später wieder in die Atmosphäre abgegeben und staut sich an.

Von allen Alarmzeichen der Erderwärmung in der Arktis sei das Meereis das durchdringendste, sagt Mark Serreze, der Direktor des Nationalen Schnee- und Eisdatenzentrums in Boulder in Colorado. Immer mehr Studien führen wilde Wetterauswüchse auf das schwindende Eis zurück. Auch das Gletschereis in der Arktis schmilzt. Der Grönländische Eisschild hat seit 2002 etwa vier Billionen Tonnen Eis verloren. Der stetige Rückgang kann zu einem deutlichen Anstieg des Meerwasserspiegels führen.

Und dann tickt da noch eine Kohlenstoff-Bombe in der Eisregion: Im Permafrost sind immense Mengen Kohlendioxid und Methan gespeichert. Taut der Boden auf, gelangen auch diese Klimakiller in die Atmosphäre. „Röstet die Arktis und ihr schafft Chaos auf der gan-
zen Erde“, fasst der Klima-forscher Michael Oppenheimer von der Universität Princeton die Bedrohung zusammen.

Das Schmelzen der Arktis wird uns alle verfolgen.

Stefan Rahmstorf
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