Tödliche Kriegsrelikte

von Heidi Rinke-Jarosch
Bei Aleppo wurden Teile von Streubomben gefunden, die laut Human Rights Watch die syrische Armee abgefeuert hat.  REUTERS
Bei Aleppo wurden Teile von Streubomben gefunden, die laut Human Rights Watch die syrische Armee abgefeuert hat. REUTERS

Streubomben sind internationale geächtet. Trotzdem werden sie eingesetzt.

shwarzach. „Wir verwenden diese Bomben überhaupt nicht, weil sie verboten sind.“ Mit diesen Worten hat Wadislaw Selesnjow von der „Anti-Terror-Operation“ in Kiew die Vorwürfe der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zurückgewiesen, im Konfliktgebiet Ostukraine – „an mehr als einem Dutzend Orten“ – Streubomben eingesetzt zu haben. In dem Anfang der Woche von HRW veröffentlichten Bericht heißt es, bei vielen der Angriffe wäre nicht eindeutig feststellbar, wer die Streubomben abgefeuert habe, doch „bei mehreren Angriffen deuten die Beweise darauf hin, dass ukrainische Regierungstruppen verantwortlich waren“.

Die Untersuchung listet zwölf Vorfälle auf, bei denen insgesamt sechs Menschen getötet worden seien. Bei einem – am 2. Oktober – sei auch ein Mitarbeiter des IKRK (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) ums Leben gekommen. Nachgewiesen sei dies durch Berichte von Ärzten, die Opfer behandelt haben, deren Verletzungen eindeutig von Streubomben stammen. Zudem hätten Bauern Fragmente von Querschlägern gefunden.
Streubomben sind Raketen oder Bomben, die sich beim Abschuss, etwa aus einem Flugzeug, in unzählige kleine Bomben – sogenannte Submunitionen – teilen und über weite Flächen streuen.

Tückische Sprengfallen

Streubomben sind tückisch. Sie können nämlich nicht zwischen militärischen Zielen und ziviler Bevölkerung unterscheiden und hinterlassen zudem zahlreiche Blindgänger, die wie Landminen wirken und noch lange nach dem Ende eines Konfliktes Tote und Verletze fordern.

In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, zum Beispiel, lauert auch 15 Jahre nach Kriegsende noch immer tödliche Gefahr in der Erde. Unzählige explosive Kriegsrelikte, wie Granaten, Minen und Streubomben, sind noch nicht entfernt. In Bosnien sind 1300 Quadratkilometer noch nicht zugänglich, weil dort noch etwa 200.000 Minen im Boden vergraben sind. Eine halbe Million Menschen sind dadurch bedroht.

Während des Kosovokriegs 1998/1999 führte die NATO 78 Tage lang Luftangriffe auf Serbien, Montenegro und Kosovo durch. Das Militärbündnis warf 22.000 Tonnen Sprengstoff, 1300 Marschflugkörper und 37.000 Streubomben ab. Etwa 3500 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 89 Kinder. Noch heute sind große Landteile mit Sprengkörpern verseucht.

Die syrische Armee hat nach Angaben von Hilfsorganisationen seit 2012 die inzwischen geächteten Streubomben selbst in dicht bevölkerten Gebieten eingesetzt. Dabei wurden mindestens 165 Menschen getötet. Aber auch die IS-Miliz (Islamischer Staat) hat in Syrien Streubomben eingesetzt, berichtet HRW. Als Beweis gebe es unter anderem Fotos aus der Provinz Aleppo.

Verbot beschlossen

2008 wurde in der norwegischen Hauptstadt Oslo die internationale Konvention zum Verbot von Streubomben von 113 Staaten unterzeichnet. Darunter ist auch Österreich. Unter den Ländern, die nicht unterschrieben haben, sind die Ukraine, Russland und die USA. Österreich hat übrigens bereits im Jänner 2008 als weltweit erstes Land ein Totalverbot von Streumunition beschlossen.

Dieser völkerrechtliche Vertrag über ein Verbot des Einsatzes, der Herstellung und der Weitergabe von konventioneller Streumunition trat am 1. August 2010 in Kraft. Seitdem ist die Gefahr schwerer Verletzungen durch Blindgänger zwar weltweit zurückgegangen, aber noch immer und noch sehr lange werden Menschen Opfer von unabsichtlich hochgehenden Streubomben.

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