Kommentar

Toni Innauer

Das Spiel mit dem Alter

Noch warten wir auf die Starts einiger hochverdienter und in die Jahre gekommener Sportgrößen wie Roger Federer (39), Noriaki Kasai (48) oder Hannes Reichelt (40). Nicht das Virus, sondern die dadurch veränderten Abläufe machen es schwerer, den Rhythmus aufzunehmen. Aber die speziellen Chancen leben – was für die einen Wimbledon und das Skifliegen sind, ist für den anderen die Streif.

Vorgemacht wie es geht, haben es weniger die boxenden Mike Tyson (54) und Roy George Junior (51), die für viel Geld noch einmal die erstaunlich schnellen Seniorenfäuste geschwungen haben, als ein anderer: Bernhard Langer düpierte bei den US-Open in Augusta die versammelte Weltklasse. Nach der ersten Runde lag er als 63-jährige Deutsche unter den Top Ten der weltbesten Profigolfer und sollte am Ende 29. werden. Das ist eine magische Leistung.

Szenenwechsel: Auf dem Abschlag sechs des GC Seefeld formte sich vor dem Lockdown eine illustre Golfrunde. Dort oben ist im Winter der höchste Punkt des weitläufigen Langlaufnetzes auf dem Plateau. Viele Golfplätze in den Alpen verwandeln sich mit dem Schneefall zu charaktervollen Loipen.

Zwei reifere Herren luden meinen Springerkollegen Rupert (64) und mich zum Mitspielen ein. Wir alle kennen das Gelände im Sommer und im Winter wie unsere Hosentaschen, in denen wir manchmal vergeblich nach einem Bleistift suchen und ihn, vor allem unter Zeitdruck, nicht finden. Der Älteste unter uns dreht dort seit Jahrzehnten mit Ski, und wenn‘s wärmer wird, mit den Golfschlägern und immer zu Fuß seine Runden, sammelt Kilometer, Pilze, Birdies, Heidelbeeren und verloren gegangene Golfbälle. Sein Golfschwung ist so unverkennbar, wie es seinerzeit sein Flugstil auf den Schanzen war. Der Tiroler Walter Steinegger war als Springer vor sechzig Jahren bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley, als Sieger Helmut Recknagel in der Luft noch beide Arme kühn nach vorne streckte.

Spielbahn neun gleicht einer Großschanze, der Ball soll 150 Meter durch eine steile Waldschneise auf eine – von oben winzig wirkende – Landefläche segeln. Ich musste mich in der Startluke hinter meinen Springerkollegen anstellen. Meine Vorspringer waren auf der Acht einen Schlag besser als meine Single-Handicap-Wenigkeit gewesen…Walter ist übrigens zwei Wochen davor 92 Jahre alt geworden!

„Play your age“, wie die Amerikaner sagen, ist ein Lebensmotto, dem man nicht nur im Golf, in Amerika oder im Spitzensport, sondern in sehr originellen Ausprägungen auch in unseren Regionen begegnen kann.

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.

„Sein Golfschwung ist so unverkennbar, wie es seinerzeit sein Flugstil auf den Schanzen war.“

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.