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Deutschlands Fluchtin den Urlaub

Enttäuschung pur bei Deutschland: Trainer Jogi Löw und Mario Gomez. apa

Enttäuschung pur bei Deutschland: Trainer Jogi Löw und Mario Gomez. apa

Angezählter Jogi Löw hinterlässt viele Fragen.

Moskau Weg, einfach nur weg aus Russland und der vom ersten Tag an bei Joachim Löw und seinen abgestürzten Stars so ungeliebten „Sportschule“ in Watutiniki. Fast fluchtartig verließen die historischen deutschen Verlierer nach dem größten anzunehmenden WM-Unfall das Stammquartier vor den Toren Moskaus im Teambus, auf dem das entlarvende Motto prangte: „Zusammen. Geschichte schreiben.“ Zusammen lief bei dieser Weltmeisterschaft gar nichts.

Und die Geschichtsschreibung sollte die erste erfolgreiche deutsche Titelverteidigung sein. Das ambitionierte Projekt endete mit dem ersten Vorrunden-Aus, für das der Bundestrainer nach dem 0:2 gegen Südkorea die „Verantwortung“ übernahm. Und mehr? Gibt Löw auf?

Das ist die zentrale Frage, ob der Weltmeistercoach von 2014 es sich noch zutraut und auch der Richtige sein könnte, um nach dem Totalschaden des deutschen Fußballs den Neuaufbau mit den hungrigen Confed-Cup-Siegern anzugehen. Vor dem Start der DFB-Sondermaschine nach Frankfurt sagte Präsident Reinhard Grindel: „Ich habe gestern Abend mit Jogi Löw gesprochen. Wir sind so verblieben, dass wir in den nächsten Tagen besprechen, wie es weitergeht.“ Einen Schnellschuss gibt es nicht.

„Sammeln“ ist angesagt

In Zivilkleidung traten Manuel Neuer und seine 22 WM-Kollegen den erzwungenen Frühstart in den Sommerurlaub an. Löw kam mit düsterem Blick allein ans Gate, ging wortlos in den „Mannschaftsflieger“ der Lufthansa. Einige Spieler wie Toni Kroos wurden von ihrer Familie begleitet. Sind nach zwölf Jahren Löw womöglich neue Impulse auf dem Chefposten nötig? Nur Heldendämmerung einer goldenen Generation?

Oder auch Götterdämmerung? Ein „geschockter“ Löw hatte sich noch in Kasan nach seiner größten Niederlage als Trainer Bedenkzeit erbeten, wie stets nach Turnieren. Diese endeten bislang frühestes nach dem Halbfinale. „Wie es jetzt weitergeht – da muss man mal in Ruhe darüber reden. Für mich ist das jetzt noch ein bisschen zu früh“, sagte der 58-Jährige. Er müsse sich erstmal „sammeln“.

Löw wird sich auch selbst hinterfragen – erstmal könnte nur er allein sich entlassen. „Wir sollten ihm Zeit lassen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff, der tippte: „Ich gehe davon aus, dass er im September die Sache angeht.“ Grindel nahm sich zunächst aus der unmittelbaren Verantwortung. Er erwartet Antworten von Bierhoff und Löw. „Es ist nicht Aufgabe des Präsidenten, das Aus zu analysieren. Da würde ich mich überheben“, sagte der DFB-Boss: „Dafür haben wir die sportliche Leitung. Die werden uns das erklären müssen und dann werden wir Konsequenzen ziehen.“

Bierhoff will „alles hinterfragen“. Trainer- und Betreuerstab, Spieler, aber auch er selbst als Überbau des Gesamtgefüges zusammen mit dem langjährigen Wegbegleiter Löw gehört hinterfragt. Die Ausrichtung des Nationalteams, PR-Strategien („Best never rest“), die Quartierwahl, das öffentliche Auftreten und der fragwürdige Umgang mit der Özil-Gündogan-Erdogan-Affäre verlangen nach einer kritischen Aufarbeitung. „Es werden mehrere Punkte sein, die man zusammentragen muss, ohne dass man alles über den Haufen schmeißt oder infrage stellt“, meinte Bierhoff. Erst einmal müssen sich alle aus der Schockstarre befreien. „Wir alle fallen in ein Riesenloch, in eine Leere, in einen Frust“, gestand der 50 Jahre alte Manager.

Kein Angstgegner mehr

In Russland sind sie in nur zehn Tagen mit zwei Niederlagen und einem glücklichen Last-Minute-Sieg gegen Schweden erschüttert worden. „Fakt ist, das wir bei der WM kein richtig überzeugendes Spiel hatten“, sagte der junge Joshua Kimmich. „Erbärmlich“, nannte Kapitän Manuel Neuer das gesamte Turnier-Auftreten des Teams, das keine Einheit war. „In keinem der drei Spiele hat man gesehen, dass da wirklich eine deutsche Mannschaft auf dem Platz war, vor der man Angst hat, vor der man Respekt hat.“ Selbst bei einem Weiterkommen wäre der Titelgewinn Utopie geblieben, meinte Neuer: „Ich glaube, jeder hätte gerne gegen uns gespielt.“ Angstgegner Deutschland? Nicht bei dieser WM!

Eine Rücktrittswelle auf Spielerseite ist nicht zu erwarten. Der 32 Jahre alte Kapitän Neuer etwa will beim anstehenden Neuanfang, der mit dem ersten Spiel in der neuen Nations League am 6. September in München gegen Frankreich beginnt, dabei sein. „Ich habe jetzt nicht vor, aufzuhören“, sagte Neuer. Die Trainerfrage ist aber die erste, die beantwortet werden muss. „Es war das allererste Mal, dass in Löws Trainerschaft etwas nicht so funktioniert hat“, sagte Mats Hummels.

„Wir haben vieles vergeigt in den Spielen, wir haben uns das selbst zuzuschreiben.“

Abendzeitung Entsetzen, nacktes Entsetzen, herrscht in Fußball-Deutschland über das Kollektivversagen dieser Mannschaft, den Weltmeister von 2014, die noch neun Mann stark in die Mission Titelverteidigung gestartet waren. Einzelne Spieler machten nicht den Eindruck, am Boden zerstört zu sein. Nur bei Müller, Süle und Kimmich waren Tränen zu sehen. ... Es muss einen Umbruch geben. Einen Neustart. Das System dieser Nationalelf hat sich einen Virus eingefangen, namens Selbstherrlichkeit und Selbstzufriedenheit, man ist abgestürzt. Obwohl man es kommen sehen musste.

L‘Equipe Höchststrafe für ein Team, das keines war.

Süddeutsche Zeitung Historische Pleite. Der lange Zeitlupen-Fußball bietende, entthronte Titelverteidiger verliert gegen Südkorea mit 0:2 . . . Es wird viel um die Aufarbeitung dieses Spiels gehen, die letztlich eine pointierte Zusammenfassung der Deutschen bei diesem Turnier war. Sie spielten behäbig, sie waren nicht überraschend, sie waren berechenbar.

Die Welt Die WM in Russland sollte der größte Erfolg in der deutschen Fußball-Geschichte werden. Heraus kam: die größte Blamage im deutschen Fußball. Ein Tiefpunkt. Eine Schmach historischen Ausmaßes. Das Unvorstellbare ist mit dem 0:2 gegen Südkorea Mittwochnachmittag wahr geworden. Die Partie wird als „Schande von Kasan“ für immer eine Wunde bei den deutschen Sportfans hinterlassen. Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea, das ist eines Weltmeisters unwürdig.

Bild Vor vier Jahren titelte BILD nach dem historischen 7:1 gegen Brasilien sprachlos vor Begeisterung „Ohne Worte“. Jetzt lautet die Schlagzeile wieder „Ohne Worte“. Was für eine Blamage! Was für ein Angsthasen-Fußball! Bundestrainer Joachim Löw hat Deutschland zum Titel geführt - er hat jetzt auch diesen Tiefpunkt zu verantworten. Wir sind nicht mit Pech ausgeschieden, sondern völlig zu recht. Wer gegen Mexiko und Südkorea verliert, hat ganz viel falsch gemacht.

Telegraph Es gab keinen teutonischen Befreiungsschlag, keine Rettung in letzter Sekunde, kein 90 Minuten Spielen und am Ende gewinnen die Deutschen.

La Repubblica Deutschland ist verloren. Der moderne Fußball verschont keinen. Es ist ein geteiltes Schicksal, ein Virus, der sich durchfrisst, ohne Unterschiede. Es gibt nichts Größeres, als Weltmeister zu werden. Aber es ist eine wenig nachhaltige Größe.

Corriere della Sera Eine so graue Mannschaft hat nichts mehr zu sagen. Deutschland ist draußen - und jeder findet so sein eigenes Korea. Heute müssen wir erkennen, dass Deutschland auf der gleichen Stufe wie Italien steht. Es ist nur wesentlich älter.

Dolomiten Wenn wir im Viertelfinale auf die ersten harten Brocken treffen...“ - das hat Manager Oliver Bierhoff beim DFB-Trainingslager in Eppan gesagt. Diese Aussage zeigt die maßlose Selbstüberschätzung und Arroganz, mit welcher „Die Mannschaft“ an das WM-Turnier 2018 herangegangen ist.

Kurir (Srb) Auf geht‘s nach Hause, ihr Deutschen! Und nehmt auch den (deutschen Schiedsrichter Felix) Brych mit.

Daily Mail Gott im Himmel! Deutsche fliegen raus - und in Großbritannien bleibt kein Auge trocken!

Folha de S. Paulo Die Starrsinnigkeit des Trainers und schwache Veteranen führen Deutschland zum WM-Fiasko.

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