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Deutsches Public Viewing mitten in Moskau. Im Gastgarten des „Deutschen Eck“ war alles angerichtet für einen ganz besonderen Abend. privat

Deutsches Public Viewing mitten in Moskau. Im Gastgarten des „Deutschen Eck“ war alles angerichtet für einen ganz besonderen Abend. privat

Im „Deutschen Eck“ mitten in Moskau wurde gelitten, diskutiert und schließlich gesungen.

Moskau Ganz Moskau ist . . . Ganz Moskau? Nein! Im Südwesten der russischen Hauptstadt befindet sich ein Fleckchen Deutschland, das „deutsche Dorf“. Das Areal ist umzäunt und bewacht, der Rasen kurz geschnitten. Inmitten dieser Enklave, in der einstmals die Botschaft der DDR angesiedelt war und die eine Größe von rund sechs Fußballfeldern hat, befindet sich das „Deutsche Eck“. Die Kneipe ist ein Fachwerkhaus und stammt aus Thüringen. Dementsprechend liest sich die Karte: Rostbratwurst, Königsberger Klopse oder Schweinshaxe. Bei den Bewohnern ist das Gasthaus sehr beliebt, gerade jetzt zur WM-Zeit bei Deutschland-Spielen auch ausgebucht.

Gut zwei Stunden vor dem Match finde ich mich ein, tausche ein paar Worte mit Michael, dem Wirt, und suche mir einen Platz im Gartenbereich. Eine große Leinwand und ein normales TV-Gerät, alles fein säuberlich mit deutschen Fahnen dekoriert, sorgen im Gastgarten für WM-Stimmung – unterlegt mit ARD-Kommentar. Schön langsam trudeln immer mehr Besucher ein. Familien mit Kindern, die meisten im Deutschland-Trikot, viele mit schwarz-rot-goldener Bemalung im Gesicht. Sie kommen aus dem Saarland, aus Schleswig-Holstein und aus den neuen Bundesländern. Erst 1990 ist das Areal von Deutschland übernommen worden und als Heimstätte bei Botschaftsangestellten, Diplomaten, Handelsvertretern, aber auch Lehrpersonal sehr beliebt. Die Schule hat einen so guten Ruf, dass auch die Tochter von Russlands Staatspräsident Wladimir Putin diese besuchte und nun im Herbst auch seine Enkelkinder erwartet werden. Auch einen Kindergarten beherbergt das „deutsche Dorf“, dessen Fläche umzäunt ist und in das man nur mit einem Sonderausweis gelangt.

Erst leiden, dann singen

An diesem warmen Sommerabend in Moskau aber zählt nur der Fußball. Dementsprechend laut und emotional verlaufen die nächsten Stunden. Dafür sorgt allein schon der Verlauf des Spiels. „Wir sind weg“, höre ich einen schreien, als in der Schlussphase ein Schuss von Julian Brandt an den Pfosten kracht. Ich sehe die Enttäuschung, die sich in vielen Gesichtern breitmacht, bei so manchem sind es gar Tränen ob des bevorstehenden WM-Aus. Derweil unterhalte ich mich mit dem Wirt. Mit 1. Juni, so erzählt mir Michael, habe er die Bewirtung übernommen. Davor habe er vieles versucht. „In Moskau kannst du schnell Geld machen, aber auch rasch verlieren.“ Er weiß, wovon er spricht, lebt er doch schon 30 Jahre in Moskau und hat den Kindergarten hier besucht. „Meine Eltern haben immer darauf geschaut, dass ich Russisch und Deutsch spreche“, höre ich ihn noch sagen.

Denn plötzlich steigt die Spannung: Noch ein Freistoß, noch eine letzte Chance. Hoffen, Bangen, Gebete – und dann dieser gewaltige Torschrei. Keinen hält es mehr auf dem Stuhl, die Leute liegen sich in den Armen, tanzen. Toni Kroos hat sie alle erlöst von ihrem Leiden. Jetzt sind sie in ihrem Element, die Fans des Weltmeisters. „Deutschland, Deutschland!“, singen sie oder in Anlehnung an den Titelgewinn 2014: „So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehn so . . .“

Michael lächelt und ruft: „Freibier für alle.“ Alle applaudieren! Deutschland-Abende im „Deutschen Eck“ sind etwas Besonderes. „Ansonsten ist nicht so viel los“, sagt Michael und verschwindet hinter den Tresen. Das Bier soll fließen, zuweilen mischt man Wodka hinzu. An so manchen Tischen werden schließlich bis nach Mitternacht deutsche Heimatlieder angestimmt. Für mich aber ist es Zeit zu gehen. VN-Cha

<p class="caption">Gespannt verfolgte auch der Nachwuchs das TV-Geschehen.</p>

Gespannt verfolgte auch der Nachwuchs das TV-Geschehen.

<p class="caption">Ein bieriger Eingang erwartet die Gäste im Gasthaus „Deutsches Eck“.</p>

Ein bieriger Eingang erwartet die Gäste im Gasthaus „Deutsches Eck“.

<p class="caption">Heimatgefühle vermittelt den Deutschen auch die Speisekarte.</p>

Heimatgefühle vermittelt den Deutschen auch die Speisekarte.

<p class="caption">Das „Deutsche Eck“ befindet sich in einem Fachwerkhaus aus den 70er-Jahren.</p>

Das „Deutsche Eck“ befindet sich in einem Fachwerkhaus aus den 70er-Jahren.

<p class="caption">Wirt Michael Friedebold (rechts) miteinem der Gäste.</p>

Wirt Michael Friedebold (rechts) mit
einem der Gäste.

„Nur bei Deutschland-Spielen ist so eine Stimmung, ansonsten ist weniger Betrieb.“

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