VN-Interview. Thomas Hollerer (43), FIFA-Disziplinarkommission

„Bei der EM 2020 wollen wir dabei sein“

ÖFB-Generalsekretär Thomas Hollerer ist bei der WM für die FIFA tätig. gepa

ÖFB-Generalsekretär Thomas Hollerer ist bei der WM für die FIFA tätig. gepa

Hollerer sieht die Nations League als Chance für Österreich.

Moskau Das Radisson Royal Hotel am Ufer der Moskwa bietet die imposante Kulisse für das Treffen mit dem FIFA-Delegierten Thomas Hollerer. Der 43-jährige Wiener hält in Moskau Österreichs Fahnen hoch und urteilt als Mitglied der FIFA-Disziplinarkommission auch über Sperren von Spielern. Die Tage während der Vorrunde sind exakt durchgetaktet. Dafür sorgt auch ein Extra-FIFA-Handy, in dem alle Termine gespeichert sind. Zwischen FIFA-Anzug und legerer Jeans-Kleidung nahm sich der ÖFB-Generalsekretär Zeit für ein exklusives Interview. Ungeachtet des Fünf-Sterne-Hotels und mondänen Fuhrparks vor der Eingangshalle gab sich der Jurist sehr geerdet und auskunftsfreudig.

 

Wie schaut ihr WM-Alltag aus?

Hollerer Jeden Vormittag ist Sitzungstermin, wo wir entsprechende allfällige disziplinäre Vorfälle vom vergangenen Spieltag behandeln. Was noch dazukommt, sind Verstöße gegen Vermarktungs- und Ausrüsterbestimmungen. Da gibt es allerdings eine längere Vorlaufzeit, wie auch bei disziplinären Vorfällen bei den Fans. Da werden selbstverständlich die Stellungnahmen der beteiligten Verbände eingeholt. Im Regelfall ist eben eine Sitzung pro Tag, um die Beschlüsse zu treffen, bei Bedarf haben wir auch abends noch eine Zusammenkunft.

 

Bislang hatten Sie diesbezüglich einen eher ruhigen Arbeitsalltag?

Hollerer Ja, es hat de facto noch keine großen disziplinären Angelegenheiten auf dem Platz gegeben. Da hilft schon der Videoassistentreferee, der direkt beim Spiel Entscheidungen trifft.

 

Sie sind nun seit 2017 für die FIFA in der Disziplinarkommission tätig. Wie wird Österreich im Weltverband wahrgenommen, welchen Stellenwert hat der nationale Verband?

Hollerer Ausschlaggebend dafür, dass ich diese Arbeit machen darf, was ja auch für den ÖFB eine große Ehre ist, weil bei sechs Konföderationen nicht so viele Europäer dabei sind, war wahrscheinlich, dass jemand gesucht wurde, der die FIFA-Sprachen (Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch) kann. Was mir sicherlich sehr geholfen hat, war die gute Arbeit von Horst Lumper vom Vorarlberger Verband, der in der Rechtskommission tätig war. Ihn kennen noch viele, auch seine überaus kompetente Arbeit wurde wahrgenommen.

 

Sie sind während der Vorrunde in Moskau. Was passiert danach?

Hollerer Dann geht die WM für mich vor dem Fernseher weiter (lacht). Unsere Kommission ist in zwei Hälften aufgeteilt. Die zweite macht die K.-o.-Phase, und ich fliege nach Hause.

 

Dann hat Sie der normale Fußball-Alltag wieder. So wartet der Fünfjahresplan „Der ÖFB steht für mehr als Sport“ in den Startlöchern. Was kann schon darüber gesagt werden?

Hollerer Es ist für den ÖFB wichtig, sich auch der Frage zu stellen: Für was stehen wir? Wir arbeiten gerade an der Finalisierung. Der Plan ist bis 2023 ausgelegt. Für diese Zeit werden verschiedene Schwerpunkte definiert. Wir wollen den Frauen- bzw. Mädchenfußball stärken, ebenso den Breitenfußball insgesamt. Natürlich bleibt unser A-Team die Lokomotive, aber Fußball mit all seinen ehrenamtlichen Funktionären ist mehr, ist Kinderbetreuung, ist Integration, ist Bewegung. Diesen Stellenwert wollen wir vermehrt herausheben.

 

Dafür wird der ÖFB aber auch finanzielle Mittel aufwenden müssen.

Hollerer Das ist klar. Bis Jahresende werden wir die ersten Schwerpunkte herausarbeiten, mit der finanziellen Bedeckung. Dafür werden verbandsintern Gelder umgeschichtet werden, zusätzlich sollen neue Geldmittel lukriert werden.

 

Weitere konkrete Projekte?

Hollerer Es ist ein breites Spektrum. Vom Trainerwesen bis hin zu den Schiedsrichtern umfasst das Paket, aber auch die Beziehungen zur Liga, zu nationalen und internationalen Verbänden.

 

Wie hoch ist das Budget, das dem ÖFB zur Verfügung steht?

Hollerer 45 Mill. Euro, das wird im Jahresbericht sehr transparent ausgewiesen. Rund zwölf Mill. Euro werden direkt an die Verbände und die Liga weitergeleitet.

 

Wie beurteilen Sie die aktuellen Ligendiskussionen?

Hollerer Alle sind unglücklich, wenn Entscheidungen nicht am grünen Rasen, sondern am grünen Tisch getroffen werden. Uns war am Ligen-Reformprozess wichtig, dass alle Strukturen, bis hin zur dritten, vierten Leistungsstufe, einer Betrachtung unterzogen werden. Nur einen Teil herauszunehmen, wird nicht erfolgreich sein. Deshalb werden wir uns in den nächsten sechs bis acht Monaten intensiv den Regionalligen widmen, um möglicherweise Adaptierungen vorzunehmen. Das wird allerdings nur im Einvernehmen mit den einzelnen Landesverbänden und Vereinen passieren. Wir wollen deshalb bewusst nach der Bundesligareform eine Saison in den Regionalligen spielen lassen, um deren Kraft beurteilen zu können. Das kann schließlich zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Möglicherweise verkraftet eine Region wie der Osten mit 42 Prozent der Mannschaften die Abgänge in die Bundesliga besser als der Westen. Da muss man so fair sein und unterschiedliche Lösungen anbieten.

 

Der Reformkurs könnte also auch die Landesverbandsligen erreichen?

Hollerer Wichtig ist, alle möglichen Varianten wertfrei und neutral auf den Tisch zu legen und dann mit allen Interessenträgern wie Landesverbänden, Vereinen, Medien und Fans zu diskutieren. Danach liegt es an den jeweiligen Regionen zu sagen: Wir sind mit dem Istzustand zufrieden oder wir möchten eine Veränderung.

 

Auf das Nationalteam wartet im Herbst die Herausforderung Nations League mit Bosnien und Nordirland. Wie wichtig ist die Qualifikation?

Hollerer Das ist ganz wichtig, weil der Sieg in der Nations-League-Gruppe würde bedeuten, dass wir eine Division aufsteigen könnten. Das würde sportlich attraktivere Gegner sowie höhere Bonuszahlungen der UEFA bringen. Das zweite ist, dass die Nations League, obwohl recht kompliziert, eine zweite Chance bieter, sich für die Endrunde zu qualifizieren. Und die Endrunde 2020 ist ein ganz erklärtes Ziel des ÖFB.

 

Nach der Einigung mit der Stadt Wien bezüglich des Mietvertrags im Happelstadion bleibt das Thema Nationalstadion. Wie weit sind da die Gespräche bzw. Planungen?

Hollerer Wir haben vom Sportminister eine tolle Unterstützung für unsere Planungen. In naher Zukunft möchten wir nun gerne die Grundsatzgespräche mit der neuen Wiener Stadtregierung aufnehmen und unseren Informationsstand aufgrund der jahrelangen Projektarbeit austauschen, damit alle das gleiche Basiswissen haben. Unser Ziel ist, mittelfristig zu wissen, wohin die Reise geht. Welche Schritte auch wirklich umsetzbar sind. Die Schere im Happelstadion wird einfach immer größer, wenn man sich die Stadien in anderen Ländern ansieht.

 

Vor allem hier in Russland. Wie sind ihre ersten Eindrücke von der WM?

Hollerer Als Fan spürt man, dass Fußball etwas unglaublich Verbindendes ist. Es ist eine unglaublich gut organisierte Weltmeisterschaft. Es ist auch eine spannende, weil es schon Überraschungen gab.

 

Ihr WM-Tipp?

Hollerer Vor der Deutschland-Niederlage habe ich auf ein Finale zwischen Brasilien und Deutschland getippt. Jetzt sage ich nur: Leider nicht Österreich (lacht).

 

Von Russland nach Vorarlberg: Der Streit um die Platzgröße in Bizau erhitzt die Gemüter. Was sagt der ÖFB-Generalsekretär dazu?

Hollerer Soweit ich weiß, wird die Sache nun von einem Verbandsschiedsgericht entschieden. Das wird zu gleichen Teilen besetzt vom Verband und Verein. Ich bin sicher, dass die Personen dann zeitgerecht die gemäß den Bestimmungen richtige Entscheidung treffen. VN-cha

<p class="caption">Das Radisson Royal Hotel ist eines der FIFA-Hotels in Moskau. privat</p>

Das Radisson Royal Hotel ist eines der FIFA-Hotels in Moskau. privat

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