Kommentar

Toni Innauer

Boxen: Essenz oder Showbiz?

Sigi Bergmanns Stimme ist mir abgegangen vor dem Fight. Sein beschwörend bebender Bariton, der bis zur Verklärung gelebte Respekt vor den Boxern ließen zu Muhammad Alis Zeiten schon vor der ersten Runde die Gänsehaut wachsen. Wie lächerlich wirken dagegen Michael Buffers unvermeidlich stereotypes Gejaule und sein patentiert-millionenschwerer Aufruf „Let’s get ready to rumble!“

In Erwartung einer grenzpeinlichen Inszenierung, mit vermutlich fragwürdigem sportlichem Wert und schalem Ausgang, wartete ich vor dem Schirm auf das, was kommen würde. Im Wembley-Stadion wurden 90.000 Zuschauer vor dem Auftritt von Wladimir Klitschko und dem vergleichsweise unbekannten 27-jährigen Weltmeister Antony Joshua eingepeitscht.

Die komplette erste Stunde der RTL-Vorberichterstattung schenkte ich mir in der Vorahnung, dass noch genug an Kommerz und Kitsch folgen würde. In dieser Hinsicht trafen meine Befürchtungen zu. Nach jeder Runde, mit dem Gongschlag, wurde man als Zuseher ansatzlos in einen bis zum nächsten Gong dauernden Werbeblock verfrachtet. Keine Zeitlupe, keine Aufarbeitung der Schlüsselszenen, dafür aber komprimierte kommerzielle Heilsversprechen. Um den Faden zum Boxen nicht völlig zu verlieren, wurden die Spots mit Porträts eines bedrohlich posierenden Herausforderers umrahmt.

Bei zehn Grad Außentemperatur und zwischen den Werbeblöcken aber geschah das Unerwartete: Der kraftstrotzende Brite mit nigerianischen Wurzeln und ein ausgekochter und erstaunlich fitter Klitschko lieferten sich eine Auseinandersetzung, die mich, gegen meinen festen Vorsatz, von der Couch riss. Inmitten und völlig losgelöst von der riesigen Marketingblase lieferten sich zwei Giganten ein Gefecht von sportepischem Format. Die beiden fegten alle Voreingenommenheit aus dem Ring, was sich in Wembley abspielte, dockte direkt an „Ali gegen Frazer“ an. Inmitten von brutalen Schlagserien schimmerte die für uns Außenstehende so schwer nachvollziehbare „Kultur des Faustkampfes“ durch: Die Geschichte des straffällig gewordenen und mit Hilfe des Boxens resozialisierten Antony Joshua, seine körperliche Präsenz, sein Talent und boxerisches Können und ein Ringrichter, der rechtzeitig abbricht. Joshua sprengte mit respektvollen und überschäumend herzlichen Aussagen auch nach dem Sieg das Protokoll.

Und Klitschko? Mit 41 Jahren hat er mit seinem mutigen Kampf und trotz der Niederlage mehr Anerkennung gewonnen als mit vielen seiner Siege zuvor. Von schweren Treffern und einer vergebenen Siegesschance gezeichnet, war der „Gentleman-Fighter“ fähig, emotional stimmige und ebenso kluge Sätze in die boxhistorische Nacht von London zu schicken.

Inmitten von Schlagserien schimmerte die, für uns Außenstehende so schwer nachvollziehbare, ,,Kultur des Faustkampfes“ durch.

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