Kolumne. Toni Innauer (56), über technische Abhängigkeiten im Sport

Über die wirklichen und virtuellen Welten im Sport

Die Fernbedienung, die Funktionen Standbild, Zeitlupe und Vor- und Rücklauf sind auch aus dem Alltag des Sporttrainers nicht mehr wegzudenken. Aber es gibt auch Coaches, die merken, dass sie und ihre Schützlinge eine bedenkliche Abhängigkeit von Geräten entwickelt haben. Man traut sich ohne virtuelle Unterstützung von Video oder Druckmessplatten kaum mehr ein Urteil zum unmittelbar selbst Erlebten zu. Schlimmer noch, ohne Aufzeichnung und die spätere Zerlegung in minimale Bewegungssequenzen scheinen die Aktion und das Erlebnis verloren zu sein. Schleichend entsteht das Gefühl, dass etwas nur stattgefunden hat, wenn es filmisch oder messtechnisch festgehalten wurde. Das Wissen, dass ein Abbild technisch gespeichert und analysierbar sein wird, lässt die intensive Wahrnehmung des Hier und Jetzt zur Nebensächlichkeit werden. Die Wirklichkeit intensiv, detailgenau und auch nach intuitiven Kriterien zu beobachten und zu beurteilen, zeichnet besondere Coaches aus. Darum legen erfahrene Trainer und Sportler „mediale Fastentage“ ein, um ihr Eigengefühl, das Vertrauen in das eigene „G’spür“ nicht zu verschlampen. Noch weniger ist im Alltag ein Kraut gewachsen gegen die Faszination der künstlichen Wirklichkeit, die bevorzugt sitzend erlebt werden will. Bewegungsarmut, Internetsucht oder bedenkliche Unterversorgung mit echten Sozialkontakten sind bedrohliche Folgen, wenn der Aufenthalt in der virtuellen Welt übertrieben wird.

Spitzensport boomt zwar als Medieninhalt wie nie zuvor, hat aber paradoxerweise Nachwuchssorgen. Nervenkitzel und flüchtige Anerkennung werden ohne das entbehrungsreiche Sportlerleben auf künstliche und bequemere Art im Netz vermittelt.

Das Entwickeln von Gehirnstrukturen, von „menschlicher High-Performance-Software“, erfordert langfristiges und systematisches Training. Ob in Handwerk, Musik, Schule oder Sport, es bleibt ein Prozess, der viel Energie, und trotz Rückschlägen immer wieder langen Atem und Begeisterung verlangt. Können und ein tiefes Lust- und Selbstwertgefühl stellen sich schließlich als Belohnung ein. Vor allem bei jenen, die durchgehalten haben, bis etwas „wirklich sitzt“.

Die Werbung suggeriert, dass es für die echten Defizite des Individuums das ideale Gerät oder DIE technische Lösung gibt. Wer Laptop oder Handy bereits als Teile seines Selbst wahrnimmt, der kann das Herunterladen eines „fetten“ Apps leicht mit Persönlichkeitsentwicklung verwechseln. Es sind die versteckt mitgelieferten Effekte, die der Fähigkeit zu Lustaufschub, Frustrationstoleranz oder schlussfolgerndem Denken schaden.

Der Spitzensport als einer der Betroffener kann viele Jingle-Töne davon singen!

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