Ein Mythos feiert Geburtstag

von dietmar gasser
Jochen Rindt gewinnt 1965 mit einem privaten Ferrari 275 LM als erster Österreicher den-24-Stunden-Klassiker in Le Mans. FOTOS: E. WALITSCH, www.jochen-rindt.at
Jochen Rindt gewinnt 1965 mit einem privaten Ferrari 275 LM als erster Österreicher den-24-Stunden-Klassiker in Le Mans. FOTOS: E. WALITSCH, www.jochen-rindt.at

Vor 90 Jahren wurden die 24 Stunden von Le Mans zum ersten Mal ausgetragen.

motorsport. Le Mans ist heute ein sagenumwobener Ort im Westen Frankreichs. Das Flair dieser Automobil-Rennsportveranstaltung im Département Sarthe ist unbeschreiblich, es ist mit nichts anderem vergleichbar. Es ist das Kultrennen schlechthin. Aus einer mutigen Idee hat sich das berühmteste Langstreckenrennen der Welt (mit jährlich 250.000 Zuschauern) entwickelt und die größte Herausforderung, die der Motorsport auf dem ganzen Erdball zu bieten hat. Seit 1923 trifft sich hier die Motorsportelite, um innerhalb von 24 Stunden zu ermitteln, wer von ihnen der Schnellste und Ausdauerndste ist. Die Idee zum Rennen hatten der Motorjournalist Charles Faroux und Georges Durand vom Automobile Club de L’Ouest (ACO). Es ging vor allem darum, der noch jungen Fahrzeugelektrik alles abzuverlangen. André Lagache und René Léonard in einem Chenard&Walcker legten als die ersten Sieger 2209 Kilometer zurück.

Kristensen oder Ickx der Beste?

Die „24 Heures du Mans“, die traditionell immer gegen Ende Juni ausgefahren werden, wenn die Nächte am kürzesten sind, wurden nur 1936 (aufgrund massiver Streiks) und 1940 bis 1948 (wegen des Zweiten Weltkriegs und seiner Auswirkungen) nicht ausgetragen. Die Studentenunruhen von 1968 sorgten für eine Verschiebung des Renntermins in den Herbst. Aber sonst konnten weder Ölkrise noch das Ende der Sportwagen-WM 1992 der Legende Le Mans etwas anhaben. Der Veranstalter ACO zeigt sich immer wieder sehr aufgeschlossen für neue Technologien: In den Sechzigern waren es Turbinenfahrzeuge, Mazda gewann 1991 mit Wankeltechnik, und Diesel- und Hybridantriebe waren im neuen Jahrtausend erfolgreich.

In Le Mans gibt es laufend Änderungen. Früher gab es den berühmten „Le-Mans-Start“: Die Autos wurden dabei schräg vor den Boxen aufgereiht und die Fahrer mussten von der gegenüberliegenden Tribünenseite zu ihren Fahrzeugen laufen, ­einsteigen und losfahren. 1970 wurde aus dem Stand losgefahren. Seit 1971 wird „fliegend“ gestartet. Mittlerweile gibt es auch schon die 14. Streckenvariante (der Kurs ist eine öffentliche Landstraße und ist aktuell 13,629 Kilometer lang). Und seit den Achtzigern kommen in Le Mans regelmäßig drei statt zwei Fahrer pro Fahrzeug zum Einsatz, was bei Fans folgende Frage aufwirft: Sind Tom Kristensens acht „Drittel“-Siege als Teil eines Pilotentrios deshalb mehr oder weniger wert als die sechs Siege eines Jacky Ickx, die der Belgier als Hälfte einer Fahrerpaarung gesammelt hat?

Marko hielt lange Rekord

Seit 2010 ist der siegreiche Audi R15 TDI-LMP1-Sportwagen Rekordhalter der Hatz um die Uhr. Mit 5410,713 Kilometern (225,228 km/h Rennschnitt) haben Timo Bernhard/Romain Dumas/Mike Rockenfeller einen neuen Distanzrekord aufgestellt. Der alte Rekord des Porsche 917 von Helmut Marko/Gijs van Lennep hatte beinahe 40 Jahre gehalten. Der Steirer und der Holländer hatten 1971 an einem Tag 5335 Kilometer zurückgelegt. Die höchste je gemessene Geschwindigkeit in Le Mans erreichte Roger Darchy 1988 auf einem WM P88 mit 405 km/h auf der Hunaudières-Geraden, die damals noch ohne Schikanen befahren wurde.

Das Drama von 1955

Leider sind in Le Mans bei den Rennen auch schon sehr viele Menschen gestorben, mehr als in Monza, Indianapolis oder am Nürburgring. 1955 ereignete sich eine der größten Tragödien in der Geschichte des Motorsports: Mike Hawthorn fuhr mit seinem Auto in der dritten Rennstunde völlig abrupt Richtung Box, schnitt dabei zwei Konkurrenten und löste eine Kollision aus, bei der Pierre Levegh unverschuldet mit 230 Sachen in das Hawthorn-Heck prallte und Richtung Tribüne abhob, wo Motor und Vorderachse beim Aufprall auf eine Betonmauer abrissen und in die Menschenmenge flogen. Levegh wurde herausgeschleudert und war sofort tot; mit ihm starben 83 Zuschauer. 1986 ließ auch der Wiener Jo Gartner in der Nacht bei einem fürchterlichen Unfall hier sein Leben. Am besten kommt der ganze „24-Stunden-Wahnsinn“ in dem Kultfilm „Le Mans“ von 1970 von und mit Steve McQueen rüber.

Viele Österreicher-Siege

In der Siegerliste der 24-h-Hatz stehen schon etliche Österreicher. Jochen Rindt gewann 1965 als 23-Jähriger in einem privaten Ferrari 275 LM sensationell, gemeinsam mit dem Amerikaner Masten Gregory. Helmut Marko siegte 1971. Alex Wurz gewann schon zwei Mal (1996 mit 22 Jahren als zweitjüngster Sieger aller Zeiten mit einem Joest-Porsche und 2009 in einem Diesel-Peugeot). Karl Wendlinger (1999 und 2000), Walter Lechner Jr. (2002) und Richard Lietz (2008) schafften Klassensiege. Und auch Vorarlberger holten schon tolle Erfolge: Der Bludenzer Rudi Lins holte mit Helmut Marko 1970 mit einem Porsche 908 den feinen dritten Gesamtrang und den Klassensieg in der 3-l-Wertung. 2008 holte sich der Hohen­emser Christian Klien (mit Zonta und Montagny) bei seinem Le-Mans-Debüt auf Anhieb ebenfalls den dritten Gesamtrang und der „halbe“ Vorarlberger Manfred Schurti (Liechtensteiner, aber in Lustenau geboren) holte in seinen insgesamt neun (!) Le- Mans-Einsätzen Rang vier 1976 sowie drei Klassensiege (1975, 1976 und 1981).

Jochen Rindt (r.) mit Masten Gregory bei der Siegerehrung 1965.
Jochen Rindt (r.) mit Masten Gregory bei der Siegerehrung 1965.
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