Kommentar

Gerold Riedmann

17-B

Wer in Spanien 11-M sagt, meint die Madrider Zuganschläge vom 11. März 2004. Spanien trafen die ersten verheerenden islamistischen Anschläge Europas. Nun ist der Terror zurück in Spanien. Jetzt ist 17-B. Die Anschläge haben das stolze, katalanische Barcelona ins Herz getroffen. Und damit uns alle, die wir die Freiheit leben, Liebe über Hass stellen – und sonst unsere Ruhe haben wollen vor den Irren dieser Welt.

Ja, wir leben unser Leben weiter. Ja, wir sagen oft genug, dass wir uns vom Terror keine Angst einflößen lassen. Und doch muss sich Europa eingestehen: Aus Jahrzehnten, in denen der hausgemachte Terror von IRA, ETA, RAF aus dem europäischen Alltag verdrängt werden konnte, sind wir nun endgültig in einer Zeit angekommen, in der islamistischer Terror zum Alltag gehört. Wir sind offenbar noch nicht konsequent genug, wir bekämpfen das Phänomen noch nicht wirkungsvoll genug.

Zu einem Anschlag braucht es heute keine Terrornetzwerke, Financiers, Chemikalien und Bombenbauer. Es genügt die niederträchtige Absicht, Menschen in den Tod mitzureißen. Der Rest lässt sich per WhatsApp verschlüsselt verabreden, ohne dass Ermittlungsbehörden darauf Zugriff hätten. Zur Ausführung reicht als Waffe ein Auto. Die Sprengstoffgürtel sind dann oft genug Attrappen, wohl fürs Selbstgefühl der Angreifer, im Selbstbild Kämpfer. Auch die fünf Angreifer, die in der Nacht auf heute in Cambrils von der Polizei erschossen wurden, trugen solche Attrappen. Sonst sitzen die Terroristen in ihrem tristen Alltag, mitten unter uns. Ihre Köpfe durch Propaganda ferngesteuert, die per YouTube, Facebook & Co. überall verfügbar ist.

Dieser Low-Cost-Terrorismus wurde den Irren, die im Namen des Islam morden wollen, zunächst als Schwäche ausgelegt, als Unfähigkeit, Bomben bauen zu können. Wir spüren, dass unsere Zivilisation an vielen Orten verwundbar ist. Wer es nicht herbringt, einen Kleinlaster auszuborgen, dem reicht ein Messer im Vorortzug.

Barcelona ist heute eine andere Stadt, als sie es bis Donnerstagabend war. Die Menschen von Paris, London, Berlin, Nizza, Madrid wissen, wie sich das anfühlt. Aus Flaniermeilen werden innert Minuten Kriegsgebiete.

Ausufernde Sicherheitskontrollen, Militärpatrouillen, Maschinengewehre, Überwachung. Auch wenn wir das nicht wollen: Wir haben längst ein Stückchen unserer Unbeschwertheit, unserer Freiheit aufgeben müssen. Verklärtheit und Naivität sind jetzt fehl am Platz.

Wenn wir das wissen: Wieso lassen wir weiter zu, dass islamistische Prediger in Hochglanz-Optik ihre Terror-Botschaften im Internet verbreiten können?

Wieso diskutieren wir darüber, ob die Justizbehörden auf WhatsApp und andere verschlüsselte Kommunikationskanäle bei entsprechenden richterlichen Beschlüssen Zugriff haben sollten?

Wieso halten wir im Sicherheitsbereich so an nationalstaatlichen Lösungen fest, wenn, gerade aus Vorarlberger Perspektive, Wien gleich weit entfernt liegt wie Paris?

Wir müssen jedenfalls in aller Entschlossenheit europaweit diejenigen stoppen, die auf dem Hass reiten.

gerold.riedmann@vn.at, Twitter: @gerold_rie, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

Dieser Low-Cost-Terrorismus wurde den Irren, die im Namen des Islam morden wollen, zunächst als Schwäche ausgelegt.

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