Kommentar

Gerold Riedmann

Der Nächste, bitte!

Es ist längst Zeit für einen Neuanfang. Jeder weiß das, jeder spürt das. Auch als die letzten Getreuen noch am Tag der Arbeit tapfer „Werner, der Kurs stimmt“-Taferl den Buh-Rufern samt roten Rücktritts-Plakaten entgegenhielten, wusste Bundeskanzler Werner Faymann längst, dass sein Amt nicht mehr zu halten sein würde. Insofern war der Rücktritt die letzte Möglichkeit, das politische Ende aus eigener Kraft in die Hand zu nehmen.

Apropos letzte Getreue: Faymanns Versuch, die Republik seit 2008 Hand in Hand mit dem Boulevard zu regieren, ist gestern jedenfalls gescheitert. Auch am letzten Wochenende war noch in Krone und Österreich zu lesen, dass Faymann Kanzler bleibe. Solche Zuneigung ließ sich das Bundeskanzleramt all die Jahre etwas kosten: Krone, Heute und Österreich wurden mit Inseraten versorgt. Millionen sind das, die seit 2008 gezielt über das Bundeskanzleramt, SP-Ministerien, Stadt Wien und (ehemalige) Staatsfirmen verschaltet wurden. Ekelhafte Anbiederung.

Die jetzige Konstellation mit Häupl als Interims-Boss ist für die SPÖ nur konsequent: Über den weiteren Fahrplan entscheidet derjenige, der bislang heimlich die Fäden zog. Was Niederösterreichs Erwin Pröll im konservativen Lager ist, verkörpert der Wiener Bürgermeister für die Sozialdemokratie. Den Gang der Dinge immer maßgeblich lenkend, jedoch wenn’s drauf ankommt, lieber ein großer Fisch im kleineren Teich sein.

Käme nun Bahnmanager Christian Kern zum Zug – ihm kann alles zugetraut werden, aber kein Funktionärsdenken. Manager Kern kann Kanzler. Ja, er könnte den Abwärtskurs der SPÖ drehen. Er wäre wohl ein Kanzler der Herzen. Bloß ist Kern Realist genug, um zu wissen, was geht und was nicht geht. Groß die Gefahr, dass er mit Bedenkzeit zu früh zur Vernunft kommt.

Medienmanager Gerhard Zeiler vertritt auch den Typus Macher von außerhalb des Politbetriebs. So einen könnte die SPÖ, diese Regierung, dieses Land dringend brauchen. Dass es allerdings ein Qualifikationsmerkmal ist, wenn man mit der vorherrschenden Politik möglichst wenig zu tun hat, sollte uns, den Wählern, auch zu denken geben.

Kern oder Zeiler, beide würden in nur einem Atemzug die Alternativlosigkeit beenden, die in der Bundes-SPÖ lähmend spürbar war, die – dieser schmerzhafte Exkurs muss erlaubt sein – übrigens auch in der Vorarlberger Landes-SPÖ längst spürbar ist. Stichwort: Wer tut sich das an? Der Vorarlberger Michael Ritsch hat in den vergangenen Tagen Faymann hörbar lauter als andere kritisiert, hat es mit seiner Kanzler-Kritik vergangene Woche sogar in die Onlineausgabe des Hamburger SPIEGEL geschafft. Als Kanzler-Killer ist Ritsch dennoch nicht tauglich: Er ist, mit Verlaub, der Zahnloseste unter all den Kanzler-Kritikern. Alle Wahlen verloren, die SPÖ in Vorarlberg stimmenmäßig halbiert. Da ist auch innerparteilich wenig vorhanden, um an den ganz großen Stühlen zu sägen.

Jetzt gilt es, der österreichischen Sozialdemokratie ein neues Gesicht zu geben. Und noch mehr als die Antwort auf die Frage, wo die SPÖ im politischen Spektrum zu verorten sein wird, interessiert die Österreicher, was das künftige Regierungsoberhaupt gegen Arbeitslosigkeit, für die Konjunktur und mit den Flüchtlingen macht.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

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