Hurrikan „Sandy“ hinterließ Chaos und Verwüstung

von Ernest Enzelsberger
Gestern Abend erreichte „Sandy“ den im Norden der USA gelegenen Eriesee. Zwar war er dort schon abgeschwächt, ließ aber noch immer gewaltige Wellen entstehen. Foto: Reuters
Gestern Abend erreichte „Sandy“ den im Norden der USA gelegenen Eriesee. Zwar war er dort schon abgeschwächt, ließ aber noch immer gewaltige Wellen entstehen. Foto: Reuters

Wirbelsturm „Sandy“ kostete mindestens 30 Menschen an der US-Ostküste das Leben.

New York. Mit voller Wucht hat „Sandy“ als einer der folgenreichsten Wirbelstürme seit Jahrzehnten die US-Ostküste samt New York getroffen und hält Millionen Menschen weiter in Atem. Infolge des Sturms starben laut CNN mindestens 30 Menschen –das Unwetter brachte schwere Schäden über mehrere US-Bundesstaaten und erweist sich als Bewährungsprobe kurz vor der US-Präsidentenwahl in einer Woche.

Das auf Risikoanalysen spezialisierte Unternehmen Eqecat schätzt die Summe der angerichteten Schäden auf 30 bis 50 Milliarden Dollar (bis zu 38,6 Milliarden Euro). „Sandy“ sei einer der „zehn bis 15 zerstörerischsten Stürme“ in der US-Geschichte, sagte der Präsident von Eqecat, Bill Keogh, im US-Fernsehen.

Dem Energieministerium zufolge wurden Stromausfälle bei mehr als 8.114.000 Kunden verzeichnet. Allein in New Jersey hatten wegen „Sandy“ 2,5 Millionen Haushalte keinen Strom. Im Staat New York saßen zwei Millionen Stromkunden im Dunkeln, in Pennsylvania waren es 1,3 Millionen.

Chaotische Zustände­

Tausende Flüge wurden abgesagt, darunter auch Verbindungen nach Österreich. Es dürfte noch Tage dauern, bis wieder Alltag einkehrt. US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Folgen des Sturms als „herzzerreißend“. Er will am Mittwoch nach New Jersey reisen, um sich ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet zu machen.

„Sandy“ nimmt nun Kurs auf Kanada. Bevor der Sturm dort eintreffe, könne er zu Überflutungen des Lake Michigan im Mittleren Westen der USA führen, sagte der Direktor des Nationalen Hurrikan-Zentrums, Rick Knabb. Was als Tropensturm begann, ist auf seinem Weg nach Norden zu einer Art „kaltem Hurrikan“ geworden. „Sandy“ bleibt gefährlich. Der Sturm bringt Unmengen an Niederschlag und in den Bergen Schnee.

Zehn Tote in New York

Insgesamt kamen nach Zählung des Fernsehsenders CNN in den Vereinigten Staaten mindestens 30 Menschen um. Allein in der Millionenmetropole New York starben nach Angaben von Bürgermeister Michael Bloomberg zehn Menschen. Sie wurden von umstürzenden Bäumen oder umherfliegenden Ästen getroffen oder kamen mit herunterhängenden Stromkabeln in Berührung. Bloomberg sprach von dem vielleicht schlimmsten Sturm, „den wir je hatten“. Dutzende Häuser brannten ab. Die New Yorker Verkehrsbetriebe sprachen von der schwersten Zerstörung in der 108-jährigen Geschichte der U-Bahn.

Die Ausläufer des Sturms mit einer 1000 Kilometer breiten Front richteten einen Milliardenschaden an. An der Südspitze Manhattans stieg das Wasser etwa 4,30 Meter über Normal – gut einen Meter mehr als der bisherige Rekord von 1960. Der ansonsten hell erleuchtete Finanzdis­trikt war gespenstisch dunkel, weil der Strom ausgefallen oder vorsichtshalber abgeschaltet worden war.

In Sturzbächen lief Wasser in die Tunnel, die die Insel mit Brooklyn verbinden. In vielen U-Bahn- und Straßentunneln stand das Wasser in der Nacht mehr als einen Meter hoch. Wahrscheinlich dauert es mehrere Tage, bis die Bahn wieder fährt.

Explosion in Umspannwerk

An Hunderten Stellen wurden Stromleitungen beschädigt. Eine Explosion in einem Umspannwerk in der New Yorker Lower East Side verschärfte die Lage. Wegen der Überschwemmungen haben viele Menschen in New York kein Wasser. Rund 60 Menschen strandeten nach Durchzug des Wirbelsturms auf einer kleinen Insel vor New York. Sie hatten sich nicht an den Evakuierungsbefehl gehalten.

Präsident Barack Obama erklärte Teile der Bundesstaaten New York und New Jersey zu Katastrophengebieten. Mit dieser Maßnahme gibt die US-Regierung zusätzliche Hilfsgelder frei.

Nur langsame Abschwächung

„Sandy“ war am Montagabend bei Atlantic City auf die Küste getroffen. Die Kasinostadt wurde überschwemmt. Der Sturm zog über Pennsylvania nach Norden weiter und schwächte sich nur langsam ab.

Seit Samstag sind in den USA durch „Sandy“ mehr als 16.000 Flüge ausgefallen, wie das Flugportal Flightstats berichtete.

Die Fashion-Designerin Ilona Drozdzik aus Dornbirn in ihrem Studio in Manhattan. Foto: VN/Enzelsberger
Die Fashion-Designerin Ilona Drozdzik aus Dornbirn in ihrem Studio in Manhattan. Foto: VN/Enzelsberger
Auch in die New Yorker U-Bahn drang Wasser ein, wie diese Überwachungskamera dokumentierte.
Auch in die New Yorker U-Bahn drang Wasser ein, wie diese Überwachungskamera dokumentierte.
New York, gestern, am Tag nach der Sturmnacht: Autos waren weggespült worden. Foto: Reuters
New York, gestern, am Tag nach der Sturmnacht: Autos waren weggespült worden. Foto: Reuters
Hurrikan „Sandy“ hinterließ eine Spur der Verwüstung. Die Menschen sind verzweifelt. Foto: Reuters
Hurrikan „Sandy“ hinterließ eine Spur der Verwüstung. Die Menschen sind verzweifelt. Foto: Reuters
Wandte sich als Krisenmanager ans Volk: Präsident Barack Obama im Hauptquartier des Roten Kreuzes in Washington. Foto: AP
Wandte sich als Krisenmanager ans Volk: Präsident Barack Obama im Hauptquartier des Roten Kreuzes in Washington. Foto: AP
Atomkraftwerk Oyster Creek: Seit 1969 am Netz. Foto: EPA
Atomkraftwerk Oyster Creek: Seit 1969 am Netz. Foto: EPA
Die Baustelle am Ground Zero wurde in der Nacht geflutet. Die Aufräumarbeiten werden mehrere Wochen dauern. Foto: Reuters
Die Baustelle am Ground Zero wurde in der Nacht geflutet. Die Aufräumarbeiten werden mehrere Wochen dauern. Foto: Reuters

Ich habe das Haus heute noch nicht verlassen. Aber ich sehe, dass die Geschäfte geschlossen sind.

Ilona Drozdzik

„Verlassene Straßen in Manhattan“

Die Dornbirnerin Ilona Drozdzik lebt seit 23 Jahren als Fashion-­Designerin in New York.

„Ich lebe mittlerweile schon 23 Jahre hier in New York, aber eine solche Wetterkatastrophe habe ich in dieser ganzen Zeit noch nicht mitgemacht.“

So die aus Dornbirn stammende Fashion-Designerin Ilona Drozdzik gegenüber den VN. Sie hat ihr Atelier in der 29. Straße in Manhattan. Die VN erreichten sie gestern um 9.45 Uhr Ortszeit (14.45 MEZ) am Mobiltelefon – die Festnetze dort sind teilweise außer Betrieb – in ihrem Zuhause in Greenwich Village im Stadtteil Lower Manhattan, eine der besten Wohngegenden der Stadt.

„Es ist alles sehr ruhig hier“

„Seit gestern Abend bis jetzt, also seit zwölf Stunden, ist der Strom weg, wir saßen die ganze Nacht im Dunkeln. Seither haben wir keine neuen Nachrichten. Unsere Gegend ist etwas weiter vom Wasser entfernt, deshalb haben wir von den Fluten hier nicht so viel mitbekommen. Ich war heute noch nicht außer Haus, aber ich sehe, dass die Geschäfte immer noch geschlossen sind. Es ist alles sehr ruhig. Die Straßen sind verlassen. Plünderungen oder andere Zwischenfälle gibt es hier bei uns aber nicht.“

Tunnel geschlossen

Der öffentliche Verkehr ist völlig zum Stillstand gekommen. „Aber auch mit einem Privatauto ist es nicht möglich, Manhattan zu verlassen. Andererseits kommen auch die Menschen, die außerhalb von Manhattan wohnen und hier arbeiten, etwa in New Jersey, nicht herein, weil alle Straßentunnel geschlossen sind“, schildert die Vorarlbergerin die aktuelle Ausnahmesituation in ihrer Wahlheimat.

Und: Die Geschäfte sind leergekauft. Es gibt keine Lebensmittel mehr. Kerzen, Taschenlampen, Batterien usw. fanden zuletzt reißenden Absatz. Auch in den Restaurants gibt es nichts zu essen, außerdem ist kein Personal da.

„Wir haben aber genug Vorräte zu Hause und der Herd in der Küche wird mit Gas beheizt. Das funktioniert. Jetzt hoffen wir halt, dass die Stromversorgung in ein bis zwei Tagen wiederhergestellt ist. Große Stromausfälle hat es hier schon öfter gegeben. Beim letzten vor einigen Jahren war ich aber gerade in Vorarlberg“, erläutert Drozdzik abschließend.

Zumtobel produziert wieder

Wolfgang Egger, Vizepräsident für Sales und Marketing im Zumtobel-Werk im Staat New York, hält sich derzeit in der Zentrale in Dornbirn auf. Seine Frau, die in New York geblieben ist, ist vor dem Hurrikan in den Keller der Wohnung in New Jersey – eine Stunde nordwestlich von Manhattan – geflüchtet. Seither ist die Telefonverbindung zu ihr abgerissen.

Egger: „Das Zumtobel-Werk wurde aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen und die Leute nach Hause geschickt, doch wird dort mittlerweile schon wieder gearbeitet.“

Neue Prioritäten im Wahlkampf

Obama und Romney bemühen sich, durch Anteilnahme zu punkten.

(VN) Der Wirbelsturm „Sandy“ suchte nicht nur ein großes Gebiet an der amerikanischen Ostküste heim. Er setzte gleichzeitig die Präsidentschaftswahlkämpfer matt. Die beiden Kandidaten Barack Obama und Mitt Romney belauern sich jetzt nach dem Motto: „Nur ja keinen Fehler machen.“ Denn ein einziges falsches Wort oder ein „entlarvendes“ Bild kann den Sieg bei der Wahl am 6. November kosten.

Fox sieht „Jahrtausendsturm“

Seit Montag fahren die Medien des Landes das ganz große Katastrophenprogramm. Rund um die Uhr kommen vom Wind gebeutelte und mit Stiefeln im Wasser ­stehende TV-Reporter ins Bild und berichten atemlos vom „Jahrhundert-Monstersturm“. Der Nachrichtensender „Fox“ identifizierte gleich einen „Jahrtausendsturm“ und zeigte dazu Bilder eines abgeknickten Baukran-Auslegers und wie Wasser in die New Yorker U-Bahn strömte.

Präsident Obama und sein Herausforderer Romney sagten ihre Wahlveranstaltungen sofort ab. Denn in nationalen Krisenzeiten schnöde Eigenwerbung zu betreiben, gilt als höchst unschicklich. Romney teilte per Pressemitteilung und Obama auf einer live vom Fernsehen übertragenen Ansprache mit, was das Volk augenscheinlich erwartete: Beide wollen für die Betroffenen beten. Obama nutzte gleichzeitig die Möglichkeiten seines Amtes: Er stattete dem Washingtoner Hauptquartier der staatlichen Katastrophenschutzbehörde FEMA einen Besuch ab, ließ sich über die Rettungsplanungen unterrichten und beauftragte die Manager, alles Menschenmögliche zur Linderung der drohenden Not zu unternehmen.

Angst vor Stromausfällen

Ein paar Gouverneure von Romneys Republikaner-Partei nutzten die Gunst der Stunde und ordneten „zum Schutz der Wahlberechtigten“ die unverzügliche Schließung der bereits geöffneten Wahllokale in „flutgefährdeten Gebieten“ an. Das betraf hauptsächlich Gegenden, in denen Arme und Angehörige von Minderheiten zu Hause sind, die mit großer Mehrheit traditionell „Demokraten“ wie Obama wählen.

Nicht nur deshalb orakeln die Wahlkampfmanager Obamas und Romneys, welche Auswirkungen „Sandy“ für die Wahl haben wird. Die größte Sorge des Obama-Lagers ist die Stromversorgung am Wahltag. Denn gewählt und gezählt wird bei US-Wahlen generell an Wahlmaschinen, und diese Computer brauchen Strom. Und bei der Reparatur von Stromleitungen gibt es erfahrungsgemäß ein deutliches Dringlichkeitsgefälle: Zuerst kommen die „besseren“ Wohnviertel an die Reihe und die Armenviertel ganz zuletzt. In den „feineren“ Vierteln sind die Stammwähler Romneys zu Hause und in den nicht so feinen Gegenden die „typischen“ Wähler Obamas.

Anwälte mobilisiert

Das Demokratenlager hat deshalb auch schon eine kleine Armee von mehreren Hundert Anwälten mobilisiert. Sie sollen registrieren, wo Wähler wegen Stromausfall am Wählen gehindert werden und dann sofort die Gerichte anrufen.

Flut löste Alarm in AKW bei New York aus

Atomaufsichtsbehörde betont: Anlage in sicherem Zustand.

„Sandy“ hat Alarm im ältesten Atomkraftwerk der USA südlich von New York ausgelöst. Wegen eines bedrohlich ansteigenden Wasserspiegels gebe es eine Warnung im Kernkraftwerk Oyster Creek im Bundesstaat New Jersey, teilte die US-Atomaufsichtsbehörde NRC am späten Montagabend (Ortszeit) mit. Das Kraftwerk sei zu dem Zeitpunkt bereits abgeschaltet gewesen. Gestern früh gab es zunächst keine weiteren Behördeninformationen.

Im Kühlwasser-Reservoir des am Atlantik gelegenen Kraftwerks sei der Pegel durch die reguläre Flut, die Windrichtung und das Hochwasser deutlich gestiegen. Die Anlage sei aber weiter in einem sicheren Zustand.

Oyster Creek ist seit 1969 am Netz und das älteste laufende Atomkraftwerk der USA. Der Meiler steht 60 Kilometer von der Millionen­metropole New York entfernt.

Nach Angaben der Behörden war zunächst ein „ungewöhnliches Ereignis“ verzeichnet worden, die niedrigste der vier Stufen des Alarmsystems. Etwas später sei der Vorfall dann um eine Stufe auf „Alarm“ heraufgesetzt worden. Auch durch den starken Regen sei das Wasser zunächst weiter gestiegen. In den folgenden Stunden sollte es aber rasch ablaufen, hieß es von der Behörde.

Einige Kraftwerke abgeschaltet

Die Experten der NRC hätten alle fast ein Dutzend Kernkraftwerke im Bereich von „Sandy“ kontrolliert. Alle seien in einem sicheren Zustand. Einige seien aber zuvor abgeschaltet worden.

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