Sizilien – wo Italien noch Italien ist

Der Osten der Mittelmeerinsel rund um Siracusa präsentiert sich als echtes Bel Paese.

Reise. (VN-C.Brosche) „Dass Syrakus die größte unter den Griechenstädten und die schönste von allen sei, habt ihr oft gehört. Es ist so, wie man sagt“, meinte der römische Politiker Cicero im ersten vorchristlichen Jahrhundert. In der Tat war die Stadt im Osten Siziliens damals Synonym für Reichtum und Kultur, für geistige Größe – aber auch grausame Tyrannen. Es war die Heimat des großen Mathematikers Archimedes sowie des Herrschers Dionysios, zu dem Damon schlich, den Dolch im Gewande (laut Schillers Bürgschaft). Von Griechen im Jahr 734 v. Chr. besiedelt, mauserte sich Syrakus zur mächtigsten Metropole der Antike – und wurde sogar größer und reicher als Athen!

Das heutige Siracusa im Südosten Siziliens präsentiert sich als lebendige Provinzstadt mit 123.000 Einwohnern (einst waren es 500.000!).

Reizvolles Siracusa

Hat man die petrochemischen Anlagen im Norden sowie die gesichtslose Neustadt überwunden, wird Siracusa immer schöner: Die Straßen der „Stadt des Oleanders“ präsentieren sich mit kitschrosa und weiß blühenden Alleen sowie – welch Überraschung – blitzsauber. Von den üblichen Vorurteilen gegenüber Sizilien und einem Chaos neapolitanischen Zuschnitts ist nichts zu merken.

Zunächst sei der Besuch der archäologischen Zone Neapolis empfohlen. Eindrucksvoll sind die heute subtropisch überwucherten, antiken Steinbrüche „Latomie del Paradiso“: Hier wurde der weißlich-gelbe Kalkstein für die Monumentalbauten aus dem Berg geschnitten. Geheimnisvoll gibt sich das „Orecchio di Dionisio“ (Ohr des Dionysios), eine 23 Meter hohe, S-förmige Grotte. Der misstrauische Tyrann Dionysios soll mit diesem akustischen Wunder, das selbst leises Flüstern deutlich hörbar macht, seine Gefangenen belauscht haben. Etwas enttäuschend hingegen ist das Teatro Greco, das mit 138 Metern Durchmesser und 15.000 Sitzplätzen zweitgrößte der Welt – vor allem in den Monaten Mai und Juni. Dann finden nämlich Theaterfestspiele (www.indafondazione.org) statt und die – sowieso recht spärlichen – Reste des griechischen Steintheaters werden von Holztribünen und Sitzbänken überdeckt.

Da empfiehlt es sich, auf Siracusas charmante Altstadt-Insel Ortigia zu wechseln. Wir lassen uns durch die autofreien, handtuchbreiten Gassen treiben – vorbei an Häusern mit schmiedeeisernen Balkonen, verträumten Plätzen, altmodischen Läden und flatternder Wäsche. Vieles hat Patina angesetzt, bröselnde Fassaden werden von der Vegetation darauf und den Stromkabeln, die das Haus wie Spaghetti umwickeln, zusammengehalten. Daneben aber erstrahlt so manch barockes Schmuckstück in frisch renoviertem Glanz. Ortigia nimmt auf Anhieb gefangen. Spätestens dann, wenn man um die Ecke biegt und unversehens auf der gewaltigen, halbmondförmigen Piazza del Duomo steht: Ein geschlossenes Ensemble aus herrlichen Barock-Palazzi mit schwungvoll-verspielten Fassaden. Mächtig ragt der Dom Santa Maria delle Colonne auf, der auf den Überresten des antiken Athena-Tempels errichtet wurde.

Seit 2005 Weltkulturerbe

Seit der Ernennung Siracusas zum UNESCO-Weltkulturerbe (2005) und der G8-Umweltministerkonferenz 2009 verwandelt ein ehrgeiziges Sanierungsprogramm die Altstadt mehr und mehr in ein Juwel. Dennoch wurde Ortigia noch nicht vom großen Reisestrom entdeckt, Nepp ist hier (noch) unbekannt.

Die kleine Stadt Noto südlich von Siracusa ist eine weitere Perle – und paradoxerweise aus tiefster Not entstanden. Am 9. Jänner 1693 machte ein gewaltiges Erdbeben das antike Noto dem Erdboden gleich.

Ein Garten aus Stein

Ein regelrechtes Baufieber folgte – es entstanden durchgeplante urbane Zentren nach den Prinzipien der barocken Stadtplanung: Ávola, Modica, Ragusa und Noto. Noto ist die prachtvollste von allen – eine perfekt geordnete Welt mit überschwänglicher Dekorationsfreude: Geschwungene Fassaden, mächtige Freitreppen, himmelsstürmende Kirchtürme, theatralische Plätze und phantasievoll dekorierte Palazzi wirken fast wie ein Bühnenbild. Kein Wunder, dass Noto 1989 vom Europarat zur „Hauptstadt des sizilianischen Barocks“ gekürt wurde.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.