Vom Traum zum Terror

von Heinz Gstrein
In Tunesien nahmen die Proteste ihren Ausgang, die Demonstrationen (im Bild: 2011) waren gegen den damaligen Präsidenten Ben Ali gerichtet. REUTERS

In Tunesien nahmen die Proteste ihren Ausgang, die Demonstrationen (im Bild: 2011) waren gegen den damaligen Präsidenten Ben Ali gerichtet. REUTERS

Zehn Jahre Arabischer Frühling: In vielen Ländern herrscht Chaos.

Tunis Vor zehn Jahren hatte die Länder hinterm Mittelmeer jene Unruhe erfasst, die wegen ihrer anfänglich demokratischen und sozialrevolutionären Motive auch „Arabischer Frühling“ genannt wurde. Der politische Islam bemächtigte sich aber bald der progressiven Bewegung. Bürgerkriege brachen aus, in welche die regionale Großmacht Iran und die verblassenden Weltmächte USA und Russland eingegriffen hatten.

In Tunis, wo das Aufbegehren schon um den Jahreswechsel 2010/11 seinen Anfang nahm und bald den korrupten Diktator Ben Ali hinwegfegte, hat sich die Demokratisierung echt und andauernd durchgesetzt. Sand ins Getriebe streut ihr aber zunehmend das Unvermögen, die Lebensbedingungen breit übers Existenzminimum anzuheben.

Ein wahres „Musterland“ ist das selbstverwaltete kurdische, teils christlich-aramäische Nordostsyrien geworden. Es eifert dem Vorbild des autonomen irakischen Kurdistan nach. Dieses hat sich als einzig positives Ergebnis der US-Interventionen am Tigris von 1991 und 2003 herausgemacht. Über beiden Autonomien hängt aber die ständige Gefahr türkischer Einfälle, da Präsident Recep Tayyip Erdogan eigenständige Kurdenstrukturen weder im Inneren der Türkei noch an ihren Grenzen zulassen will.

Seinen wichtigsten, aber späten Erfolg hat der Arabische Frühling seit 2019 im Sudan. Dort war seit 1989 unter Omar al-Baschir eines der übelsten Islamisten-Regime an der Macht. Heute findet in Khartum ein Übergang zur vollen Demokratie statt.

Neue Diktatoren und Bürgerkriege

Sonst hat das Erwachen der Araber nur wie in Ägypten neue Diktatoren hervorgebracht oder in Syrien, Libyen und dem Jemen bis heute anhaltende Bürgerkriege ausgelöst. Ihre Folgen sind vor Ort grenzenloses Leid und eine seit 2015 ausufernde Flüchtlingsbewegung Richtung EU. Diese ist zu einer allgemeinen Auswanderungswelle angeschwollen. Und mit ihr versucht das Hauptdurchgangsland Türkei, sich in Brüssel finanzielle und politische Unterstützung zu erpressen.

Europa sieht sich aber auch mit einem Terrorexport konfrontiert.

Zwar konnten die Machtergreifung der Muslim-Brüder in Ägypten 2013 mit einem Militärputsch beendet und die beträchtlichen Bodengewinne des „Islamischen Staates“ (IS) im Irak und in Syrien 2017 zurückerobert werden. Auf fruchtbaren Boden ist aber der IS-Aufruf zu „Fortan Einzelkämpfer allüberall“ in der Muslim-Diaspora gefallen, wie die Attentate in Frankreich und zuletzt auch Wien zeigten.

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