Kommentar

Charles E. Ritterband

Endlich frei!

Als Großbritannien am 28. Oktober 1971 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG beitrat, wurde dies mit Jubel begrüßt. Das Unterhaus hatte dem Beitritt mit einer Mehrheit von 112 Stimmen – deutlich mehr als erwartet – zugestimmt und der hoch erfreute Premierminister „Ted“ Heath feierte auf seine Weise: Er setzte sich in seiner Residenz in Nummer 10 Downing Street an den Flügel und spielte Präludium und Fuge aus Bachs „Wohltemperirtem Clavier“ – ein Meilenstein der europäischen Musikgeschichte, kulturelles Aushängeschild einer Nation, die wenige Jahrzehnte zuvor noch die Vernichtung Großbritanniens auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Es war das Wort „Wirtschaft“, welches das arg gebeutelte Großbritannien in die EU zog – und nicht das Friedensprojekt, namentlich die Versöhnung zwischen den Erzfeinden Deutschland und Frankreich. Für die übrigen Europäer war die Überwindung der Kriegsvergangenheit und des Nationalstaates, die politische Integration das Ziel – im Gegensatz zu den Briten, die aus ihren kolonialen Träumen noch immer nicht ganz erwacht waren, den Nationalstaat und dessen Symbole nach wie vor zelebrieren und jeweils bei den sommerlichen „Proms“, den „Union Jack“ schwenkend, im Chor „Rule Britannia“ anstimmen. Der damalige Labour-Leader Hugh Gaitskell malte das Gespenst vom „Ende Großbritanniens als unabhängiger europäischer Staat, das Ende von Tausend Jahren Geschichte“ an die Wand. Später, 1988, schleuderte Premierministerin Thatcher dem EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors ihr berühmtes dreifaches „No!“ entgegen.

Knapp ein halbes Jahrhundert nach dem britischen EWG-Beitritt vollzieht sich endlich der von so vielen herbeigesehnte Austritt Britanniens – ohne Feiern, Feuerwerke und Fanfaren. Irgendwo am Straßenrand flattert einsam und überdimensioniert ein vergessener „Union Jack“. Längst nicht mehr Brexit, sondern die tagtäglich so dramatisch eskalierende Covid-Katastrophe beschäftigt hier die Gemüter.

Eine der turbulentesten Phasen der jüngeren britischen Geschichten hat Ende Jahr ihren vorläufigen Abschluss gefunden. Hart an den Klippen eines „No Deal Brexit“ vorbeigeschlittert und buchstäblich in allerletzter Minute durch Kompromisse zustande gekommen, macht dieser „Deal“ niemanden wirklich froh. Die Fischer fluchen, weil sie sich betrogen fühlen, und hinter den legendären „White Cliffs of Dover“, von Vera Lynn in Kriegszeiten so bewegend besungen, hat die Regierung Naturlandschaften plattgewalzt, um Platz für Tausende Lastwagenparkplätze zu schaffen – wegen Brexit. Irland wächst unweigerlich zusammen und die nordirische Provinz wird Großbritannien früher oder später verloren gehen, ebenso Schottland, wo die proeuropäische Mehrheit klar für Unabhängigkeit votieren würde. Die britischen Nationalisten haben einen Pyrrhussieg errungen.

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

„Die britischen Nationalisten haben einen Pyrrhussieg errungen.“

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.