HINTERGRUND. Heinz Gstrein über den Sudan, der nicht zur Ruhe kommen kann.

Gegen Diktatur und Politislam

Generalleutnant Omar al-Baschir wurde an die Macht geputscht.  epa

Generalleutnant Omar al-Baschir wurde an die Macht geputscht.  epa

Beim Aufruhr im Sudan geht es nicht nur um akute Notlage.

karthum Am Oberen Nil will die Republik Sudan im neuen Jahr nicht zur Ruhe kommen. Eine Kundgebung jagt in der Hauptstadt Khartum die andere, die Zahlen der Toten und mit ihnen der Volkszorn steigen an. Seit der Unabhängigkeit vom britischen Weltreich 1956 scheint es im Sudan nur ein Problem zu geben: Den Gegensatz zwischen arabisiertem, islamischem Norden und dem schwarzen, weitgehend christlich missionierten Süden. 2011 wurde dieser oft blutige Konflikt mit Verselbständigung des Südsudans beendet. Doch in der Westregion Darfur und Kordofans Nuba-Bergen ging der Separatismus weiter. Der 1989 an die Macht geputschte Omar al-Baschir ging gegen diesen so brutal vor, dass ihn der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag als ersten amtierenden Staatschef zur Verhaftung ausschrieb. Im Sudan herrschte dann jahrelang die Ruhe eines Friedhofs.

Das plötzliche Aufbegehren in Khartum und seiner Schwesterstadt Omdurman hängt mit ausufernder Teuerung und akuter Verknappung der Grundnahrungsmittel zusammen. Beobachter sehen darin zu Recht einen verspäteten Arabischen Frühling mit Konfrontation zwischen darbenden Massen und einem autoritären Gewaltherrscher. Das Besondere beim Sudan ist jedoch die Tatsache, dass der Aufruhr nicht islamistische Züge trägt, sondern sich gegen ein bereits etabliertes polit-islamisches Regime richtet.

Generalleutnant Baschir hatte sich schon bald nach seiner Machtergreifung vor 30 Jahren mit dem Muslim-Aktivisten Hassan at-Turabi verbündet. Dieser wirkte bis 2011 als Chefideologe des Militärregimes. Das Religionsgesetz der Scharia wurde zur sudanesischen Rechtsordnung: Körperstrafen, Frauenknechtung, Alkoholverbot und sogar Versklavung von Schwarzen aus dem Süden wie einst unter dem berüchtigten „Mahdi“. Seine Anhänger haben sich aber seitdem gewandelt. Als Partei „Umma“ (Mutterland) stehen sie politisch hinter diesen vordergründigen Brot-Unruhen.

Freund Erdogan

Freunde vom Ausland zählt das Regime Baschir so gut wie keine mehr. Die beim jüngsten Besuch des Staatschefs in Damaskus aufgefrischten Beziehungen zu seinem diktatorischen Artgenossen Baschar al-Assad stellen mehr eine Belastung denn Absicherung dar. Bleibt da nur sein türkischer Freund Recep Tayyip Erdogan. Der bezeichnet und behandelt den internationalen Haftbefehl gegen den „Schlächter von Darfur“ als „lächerlich“. Außerdem baut er die alte osmanische Hafenstadt Suwakin an Sudans Rotmeerküste wieder auf und aus zu einem Knotenpunkt für afrikanische Mekka-Pilgerschaften und Umschlagplatz der sudanesischen Agrarprodukte Richtung Golfstaaten. Das kann das Land nicht aus der anschwellenden Krise retten.

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