Kommentar

Charles E. Ritterband

Soros als Chiffre

In meinem letzten Kommentar habe ich über die oft primitive Lust am Tabubruch nachgedacht – insbesondere über das schockierende Spiel mit dem Holocaust. Was sich nunmehr in der FPÖ abspielt, ist nicht weniger schockierend und gefährlich – auch wenn es notdürftig als „Politik“ von „Spitzenpolitikern“ kaschiert ist. Antisemitismus wird neuerdings wieder salonfähig. Regierungspolitiker ausgerechnet dieses Landes geben antisemitische Signale ab, die in ihrer Klientel gezielt Reaktionen auslösen sollen. In diesen angeblich „salonfähigen“ Codes ist schon lange nicht mehr die Rede von der mittlerweile verpönten „jüdischen Weltverschwörung“, sondern scheinbar harmlos-geographisch von der „Ostküste“. Aber jeder weiß allzu genau, was damit gemeint ist. So auch bei der Chiffre „Soros“.

Johann Gudenus ist FPÖ-Klubchef und damit formell zweiter Mann nach Parteiobmann und Vizekanzler Strache. Die Fakten sind bekannt: Ungarns Regierungschef Orban versprach sich von seiner hemmungslos antisemitischen Diffamierungskampagne gegen George Soros – den erfolgreichen, in Budapest als György Schwarz geborenen jüdischen Investor, Philanthrop und Sponsor zahlreicher kultureller wie sozialer Einrichtungen – Wählerstimmen im antisemitischen Sumpf Ungarns, um diese dem rechtsextremen Rivalen Jobbik abspenstig zu machen. Nach dem im NS-Deutschland bewährten Erfolgsrezept sollen antisemitische Verschwörungstheorien von innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen ablenken.

Gudenus plappert diesen gefährlichen Unsinn nach: Es gebe „stichhaltige Gerüchte“, dass Soros daran beteiligt sei, „wenn es darum geht, gezielt Migrantenströme nach Europa zu unterstützen“ – und, so der Subtext von Orban-Gudenus, damit Europas Demokratien zu destabilisieren. Aus den Themen Migration und Antisemitismus lässt sich offenbar nach wie vor politisches Kapital schlagen. Bei jenen FPÖ-Anhängern, die unruhig werden, weil sie fürchten, ihre Partei sei jetzt als Teil der Regierung allzu zahm geworden und Richtung politische Mitte gerückt. Da muss man gegensteuern. Gudenus wird von den Parteifreunden Strache und Hofer sekundiert, und Kanzler Kurz kommentiert fast beiläufig, er lehne „derartige Aussagen“ ab. FPÖ-Politiker kneifen feige. So Oberösterreichs Vize-Landeshauptmann Manfred Haimbuchner: „Ich habe mich mit dem Thema nicht auseinandergesetzt und kann es nicht beurteilen.“ Gudenus habe für seine Äußerung wohl „signifikante Gründe“ gehabt. Zweifellos.

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

„Aus den Themen Migration und Antisemitismus lässt sich nach wie vor politisches Kapital schlagen.“

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.