Kommentar

Gerold Riedmann

Europa, aus eigener Kraft

Diese Woche wurde Europa eindrücklich vor Augen geführt, dass niemand gut beraten ist, vom Trump’schen Amerika abhängig zu sein – schon gar nicht, wenn es um die eigene Sicherheit geht. 

Donald Trump hat Kritik weggegrinst, Journalistenfragen nicht zugelassen, gar einen Amtskollegen vor laufenden Kameras weggeschubst, um selbst besser abgebildet zu sein. Da war kein weltläufiger Staatsmann auf Reisen. Sondern einer, der die Holocaust-Gedenkstätte Yad Va­shem „amazing“ findet, keine Nahost-Friedens- und auch sonst recht wenig Pläne hat. Eine Reise ohne Inhalt, ohne jeden Anspruch.

Bei der Eröffnung des Nato-Hauptquartiers in Brüssel maßregelte er die versammelten 27 weiteren Bündnispartner wie Schulbuben. Trump sollte eigentlich ein Denkmal für die Terroropfer vom 11. September eröffnen, das alle an „Einer für alle, alle für Einen“ erinnert. Seine Rede, in der er den Nato-Partnern vorwarf, ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachzukommen, sprengte den einenden Gedanken des Anlasses. Klar werden durch diesen Eklat drei Dinge.

Erstens: Trump weiß nicht, was er tut. Wie sonst sollte er auf die Idee kommen, ausgerechnet vor dem Trümmerdenkmal der 9/11-Opfer den saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz zu loben. Der steht für die religiöse Diktatur der Saudis, den Ursprung der meisten 9/11-Attentäter. 

Zweitens: Auf die Nato kommen äußerst bewegte Zeiten zu. Denn Trumps Auftritt lässt verbrannte Erde zurück. 

Und drittens: Europa kann, ja darf sich auf die Amerikaner nicht mehr verlassen. Es wäre grob fahrlässig, mit Trump Deals zu machen, bei denen es um Menschenleben geht.

Europa hat mit Angela Merkel und Emmanuel Macron zwei Lenker dieses Kontinents an vorderster Front, die absolut keine Nachhilfe von Trump nötig haben – aber viel zu höflich wären, das jemals auch nur andeutungsweise auszusprechen. Gefragt sind Handlungen. Handlungen wie diese: 

Seit einigen Tagen hat die EU-Verteidigungsagentur die Aussicht, ab 2018 die Entwicklung von eigenen Rüstungstechnologien finanzieren zu können. Wie essenziell eigene Waffensysteme sind, zeigt auch nach wie vor das Faktum, dass Österreich vor jedem Start der Eurofighter dem amerikanischen Pentagon Verschlüsselungscodes abkaufen muss. Anders: Wenn Trump nicht will, dass Austro-Kampfjets aufsteigen, passiert das auch nicht.

Enger wird die militärische Zusammenarbeit innerhalb Europas auch durch das jüngst beschlossene Militärzentrum zur Koordination von Trainingseinsätzen.

Donald Trump tut Europa mit seiner Reise also einen großen Gefallen: Er zeigt vor Ort, wie undenkbar es ist, sich derzeit auf die USA zu verlassen. Europa muss selbst für seine Zukunft – und deren Absicherung – planen.

gerold.riedmann@vn.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

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