Kommentar

Charles E. Ritterband

Bye-bye Britain

„Ils sont fous ces Anglais (die spinnen, die Briten)“, stellt Obelix, der füllige Freund des pfiffigen kleinen Galliers Asterix fest – und darin ist ihm, spätestens seit einer Woche, nicht zu widersprechen. Ich selbst habe acht Jahre als NZZ-Korrespondent in London verbracht, verfüge seither über die britische Staatsbürgerschaft (zusätzlich zur schweizerischen), und meine Sympathien für die Briten und alles Britische stehen außer Zweifel. Aber was da in den letzten sieben Tagen in England geboten wurde, an blinder Selbstzerstörung und schierer Dummheit, das hat meinen Glauben an Britannia nachhaltig erschüttert. Als Schweizer habe ich einige Erfahrung mit der Referendums- bzw. der direkten Demokratie. In der Regel funktioniert diese reibungslos, von einigen teils gravierenden Fehlleistungen abgesehen. Aber am Tag nach der Abstimmung zu sagen „Sorry, das Resultat ist doch nicht, was wir wollten, außerdem hat man uns an der Nase herumgeführt – let’s try again“ – das würde keinem Schweizer einfallen, glauben Sie mir.

 

Die Folgen dieses Referendums, nach dem keiner weiß, wie es nun weitergehen soll, könnten sich für die Briten (und in etwas geringerem Maße auch für Europa) als katastrophal erweisen: Auszug von Unternehmen, Erosion des Finanzplatzes London, wirtschaftlicher Niedergang, drastisch verringerte Chancen und Möglichkeiten für Studierende und Arbeitsuchende im Ausland – und vor allem das Ende des Vereinigten Königreichs, Abfall von Schottland und Nordirland. „Rule Britannia“ war vorgestern: Nachdem das stolze und mächtige Britannien, einst Weltmacht und immer noch drittgrößtes Mitgliedsland und zweitstärkste Volkswirtschaft der EU, sein Empire eingebüßt hat, könnte es nun auch sich selbst verlieren. Winston Churchill, der ja als Erster die Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ beschworen hatte, bemerkte einst: „Das Problem bei politischem Selbstmord besteht darin, dass man weiterlebt, um ihn zu bereuen.“

Wie leichtgläubig viele Engländer den hohlen Versprechungen, ja den egoistisch motivierten Lügen eines Nigel Farage und eines Boris Johnson auf den Leim gegangen sind, ist erschütternd. Wie naiv dieser und viele Brexit-Befürworter waren, als sie glaubten, der EU lediglich einen Denkzettel verpassen zu können, ohne dass der Brexit dann wirklich zustande käme, ist geradezu unglaublich. Aber höchst beunruhigend ist die Tatsache, dass sich nach dem Referendum laut Polizeiangaben die Zahl rassistisch und antisemitisch motivierter „Hate Crimes“ um
57 Prozent erhöht habe. Diese richten sich unter anderem gegen polnische Einwanderer, und die polnische Botschaft  in London hat bereits interveniert, der polnische Vize-Regierungschef Morawiecki hat seine in Großbritannien lebenden Landsleute aufgefordert, „nach Hause“ zurückzukommen.

 

„Sont-ils fous ces Anglais?“ Der Politiker und letzte Gouverneur der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong, Chris Patten, schreibt in der NZZ: „Die Briten müssen nun ihr Bestes tun, um ihre Freunde in aller Welt davon zu überzeugen, dass sie nicht völlig den Verstand verloren haben.“ Ein wahres Wort.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Wie leichtgläubig viele Engländer den hohlen Versprechungen auf den Leim gegangen sind, ist erschütternd.

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