Situation in syrisch-türkischen Grenzlagern ist katastrophal

Die Türkei lässt verletzte syrische Flüchtlinge ins Land. Zu ihnen zählt die fünfjährige Sheima, die beide Augen verloren hat.
Die Türkei lässt verletzte syrische Flüchtlinge ins Land. Zu ihnen zählt die fünfjährige Sheima, die beide Augen verloren hat.

Mehr als 30.000 Menschen flohen aus Aleppo. Kein Platz mehr in Grenzlagern. Kritik an Regierung in Ankara.

ALEPPO, Ankara. (VN) Aus der nordsyrischen Stadt Aleppo und deren Umgebung sind in den vergangenen Tagen mehr als 31.000 Menschen geflüchtet. Die Lage in den Flüchtlingscamps an der syrisch-türkischen Grenze ist katastrophal. Dort sei kein einziger Platz mehr frei, teilten Helfer der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières / MSF) sowie des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) am Dienstag mit. In und um die syrische Grenzstadt Azaz schlafen Familien auf der Straße oder zu je 20 Personen in Zelten, die eigentlich nur für sieben Personen vorgesehen sind. Die Asylsuchenden hätten meist nur das dabei, was sie bei der hastigen Flucht vor der Regierungsarmee in der Provinz Aleppo mitnehmen konnten.

Kleidung, Essen, Wasser

Laut Ahmad al-Mohammad von MSF verteilten die Hilfsorganisationen warme Kleidung und Matratzen. Hilfe aus der Türkei kann über die Grenze in das fünf Kilometer entfernte Azaz gebracht werden, aber die Einreise der Flüchtlinge in die Türkei haben die dortigen Behörden verboten.

„Tief beunruhigt“ äußerte sich der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien. Schätzungen zufolge seien etwa 80 Prozent der Zehntausenden Flüchtlinge Frauen und Kinder. Es gebe Berichte über getötete oder verletzte Zivilisten. Bei den Kämpfen um Aleppo seien auch zwei Krankenhäuser getroffen worden. O’Brien rief die Konfliktpartien auf, zivile Einrichtungen zu verschonen und der Zivilbevölkerung zu ermöglichen, sich an sicherere Orte zu begeben. Das UNHCR bemüht sich intensiv darum, dass Essen, Wasser und Medikamente zu den Leidtragenden einer Regierungsoffensive im syrischen Aleppo gelangen.

Verletzte dürfen einreisen

Mittlerweile hat die Türkei an der Grenze zu Syrien verletzten Flüchtlingen Einlass gewährt. Die Verwundeten würden in türkischen Krankenhäusern behandelt, informierte Mustafa Özbek, ein Sprecher der regierungsnahen Hilfsorganisation IHH. Grundsätzlich bleibe die Grenze jedoch geschlossen. Das UNHCR hat die Türkei aufgerufen, auch alle aus der umkämpften Stadt Aleppo fliehenden Menschen aufzunehmen. Die Regierung in Ankara versucht indes, die Flüchtlinge auf syrischem Gebiet zu versorgen und will, dass sie dortbleiben. In der Türkei halten sich bereits mehr als 2,5 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge auf.

„Türkei mitverantwortlich“

Die Flüchtlingskrise werde von der türkischen Regierung instrumentalisiert, kritisiert der türkische Politiker Ali Özgündüz von der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP. So könne Ankara nun systematisch gegen Minderheiten wie die Kurden vorgehen, mit dem Wissen, dass Europa die Augen davor verschließen werde.

„Europa sagt nichts, weil es fürchtet, dass unsere Regierung die Grenzen öffnen wird“, sagte Özgündüz am Dienstag zur APA. Aus pragmatischer Perspektive sei die Vorgehensweise von Europa nachvollziehbar. Denn der EU gehe es gerade darum, die eigenen Probleme zu lösen. Dabei sei die Türkei auch mitverantwortlich für die Flüchtlingswelle, weil es dem Bürgerkrieg im Nachbarland zu lange zugeschaut habe, in der Hoffnung, dass dort ein Regimewechsel stattfinden werde.

Das gewaltsame Vorgehen der türkischen Armee in der Nacht von Sonntag auf Montag in der südöstlichen Stadt Cizre hat der Chef der Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, scharf verurteilt. Dem Militär hat Demirtas schlimmste Verbrechen vorgeworfen. „Sie haben ein Massaker begangen und
wollen es nicht zugeben“, sagte Demirtas. Er nahm damit Bezug auf Berichte, nach denen in Cizre bei einem Einsatz gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mehr als 60 Personen, darunter zahlreiche Zivilisten, getötet wurden, die dort in einem Keller und weiteren Gebäuden Zuflucht gesucht hatten.

Proteste gegen „Hotspots“

Auf der griechischen Touristeninsel Kos ist es erneut zu heftigen Protesten gegen den Bau eines Registrierzentrums („Hotspot“) für Migranten gekommen. Unbekannte haben einen Sprengsatz direkt neben der Polizeistation der Insel gezündet, wie das Staatsradio berichtete.

Nato gegen Schlepper

Die Verteidigungsminister der Nato-Staaten werden am Mittwoch über eine mögliche Beteiligung des Bündnisses am Kampf gegen die Schlepper im Seegebiet zwischen Griechenland und der Türkei beraten. Die türkische Seite habe angekündigt, das Thema ansprechen zu wollen, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel.

Die Türkei lässt verletzte syrische Flüchtlinge ins Land. Zu ihnen zählt die fünfjährige Sheima, die beide Augen verloren hat.
Die Türkei lässt verletzte syrische Flüchtlinge ins Land. Zu ihnen zählt die fünfjährige Sheima, die beide Augen verloren hat.

Europa sagt nichts, weil es fürchtet, dass unsere Regierung die Grenzen öffnen wird.

Ali Özgündüz
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