Verzweiflung in Kobane

Die türkische Armee schaut beim Fall von Kobane zu.  FOTO: AP
Die türkische Armee schaut beim Fall von Kobane zu. FOTO: AP

Kurdenstadt wurde Islamischem Staat ausgeliefert.

kobane. (VN-heg) Zu diesem Opferfest der Muslime schlachtet der Islamische Staat (IS) statt Ziegen und Schafen westliche Geiseln und Kurden der syrischen Grenzstadt Kobane. Dort wird inzwischen um jede Gasse gekämpft. Beim letzten kurdischen Aufgebot stehen Frauen in vorderster Linie: Großmütter werfen Handgranaten, Schwestern stehen neben ihrem Bruder am Maschinengewehr, die erste Selbstmordbomberin sprengt sich mitten in einem Knäuel IS-Rabauken in die Luft.

Nur zwei Kilometer entfernt liegen eingegraben die Streitkräfte der Türkei und schauen dem Morden untätig zu. Dabei hatte sich das Parlament in Ankara schon letzte Woche zu bewaffneter Intervention in Syrien und dem Irak entschlossen. Der türkische Kurdenführer Selahattin Demirtas wurde darauf am Montag schon zum zweiten Mal bei Ministerpräsident Davutoglu vorstellig, um ein rettendes Eingreifen zu verlangen. Bei seiner ersten Vorsprache am Wochenende hatte ihm der Regierungschef militärische Hilfestellung zugesichert. Nun hieß es aber nach zuverlässigen Informationen: „Die Kurden von Kobane sind an ihrem Los selber schuld.“

Das deckt sich mit dem Abblitzen des syrischen Kurdenchefs Saleh Muslim beim türkischen Geheimdienst MIT. Dieser stellte ihm bei einem zunächst geheimen Treffen seine Hilfestellung nur unter der Bedingung
in Aussicht, dass die kurdischen „Volksschutzverbände“ (DYP) nicht länger gegen IS und andere Islamisten, sondern ausschließlich mit dem Assad-Regime kämpfen. Das musste der Verteidiger von Kobane ablehnen und sich in die Endschlacht stürzen.
Inzwischen erklärte Türkei-Präsident Tayip Erdogan die Kurden zu gleich gefährlichen Terroristen wie die Milizen des Islamischen Staates.

Öcalans Drohung

Von der Gefängnisinsel Imrali hatte zuvor PKK-Chef Abdullah Öcalan mit einem Ende des kurdisch-türkischen Friedensprozesses gedroht. Für den Fall, dass Ankara die Menschen von Kobane wirklich durch den IS abschlachten lässt – wie das jetzt der Fall ist. Eine solche „Endlösung der Kurdenfrage“ peilen offenbar die Türken nun überhaupt an.

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