Gastkommentar

Charles E. Ritterband

,,G’hörig“

Nein, ich will jetzt nicht auch noch die Landtagswahlen in Vorarlberg analysieren und kommentieren. Aber ich möchte den Urnengang zum Anlass nehmen, spontan meine nachbarschaftlichen Gefühle für das „Ländle“ zum Ausdruck zu bringen.  Immerhin habe ich viele Jahre einen kleinen Sprung entfernt von der Grenze verbracht. Jetzt, aus der Wiener Perspektive – wo man nicht einmal den Dialekt des westlichsten Bundeslandes versteht (oder zu verstehen vorgibt) –, liegen ein großer Berg und eine ganze Nacht im Schlafwagen zwischen der Bundeshauptstadt und Bregenz und sieht die Sache ganz anders aus.

 

„G’hörig“ – dieses sympathische kleine Wort ist für mich zum Symbol für Vorarlberg geworden: „Gehörig“ bedeutet laut Duden: gebührend, geziemend, einer Sache angemessen. Korrektheit und Genauigkeit sind für mich aus Wiener Sicht die hervorstechenden Eigenschaften der Alpen­alemannen westlich des Arlbergs – und ihr Erfolgsgeheimnis, das so geheim eigentlich nicht ist. Kürzlich sah ich eine (unvollständige) Liste dieser Erfolge und irgendwie tönte da eine Mischung aus unverhohlener Bewunderung und gar stillem Neid heraus: Pünktliche Züge, die meisten Patente europaweit, die höchste Sparquote in Österreich, geringste Verschuldung, geringste Arbeitslosigkeit und Bürgersinn (zwei Drittel aller Wahlberechtigten seien freiwillig und unentgeltlich engagiert). Chapeau. Das soll den Vorarlbergern mal einer nachmachen.

 

„Gsiberger“ lautet bekanntlich der Übername für die Vorarlberger im fernen Osten Österreichs. „Isch’s g’hörig gsi?“ fragt denn auch der Wirt den Gast nach einer fast immer ausgezeichneten Mahlzeit: „g’hörig“ – hat das Mahl (das Hotelzimmer etc.) den hohen Qualitätsansprüchen genügt, welche die Vorarlberger an sich selbst stellen? Meist, fast immer, hat es.

 

Das Land jenseits der Rheingrenze hat man in meiner Studentenzeit wohl eher als kleinkariert und „bünzlig“ betrachtet. Ich kann mich noch an die Kuriosität erinnern, dass damals bei sämtlichen neu erbauten „Hüüsli“ der Verputz fehlte – wohl irgendein Steuertrick, den man den Vorarlbergern eigentlich nicht zugetraut hätte. Inzwischen wurde man längst eines Besseren belehrt. In meinen NZZ-Berichten konnte ich feststellen, dass Vorarlberg mit seinen 375.000 Einwohnern und 2600 Quadratkilometern Fläche das drittreichste Bundesland Österreichs ist.

 

Nicht nur geografisch, auch politisch wahrt das so ganz andere Vorarlberg sorgsam seine Distanz zur Bundeshauptstadt. Vor einer früheren Landtagswahl lehnte der damalige Landeshauptmann Sausgruber das Angebot von Bundeskanzler Schüssel höflich, aber bestimmt ab, sich höchstpersönlich in Bregenz am Wahlkampf zu beteiligen. Vorarlberger pflegen auch einen feinen Humor: Im selben Wahlkampf warb der Spitzenkandidat der Grünen, Johannes Rauch, mit dem Slogan „Der Rauch macht Dampf“. Das erinnerte ans gemütliche Wälderbähnle.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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