Zehn Jahre Schrecken in Nigeria

von Heinz Gstrein
Bombenanschlag in Maiduguri, einer Millionenstadt im Nordosten Nigerias vor wenigen Wochen: mindestens zehn Tote. Foto: Reuters
Bombenanschlag in Maiduguri, einer Millionenstadt im Nordosten Nigerias vor wenigen Wochen: mindestens zehn Tote. Foto: Reuters

Boko-Haram-Terror kostete heuer bereits 2000 Menschen das Leben.

Wien. (VN) Das Städtchen Chibok im Nordosten Nigerias hat sich gerade schlafen gelegt. Durch die offenen Fenster des Mädcheninternats klingen noch frohe Stimmen. Plötzlich rasen Lastwagen auf die Schule zu, Vermummte nehmen die Bildungsstätte im Sturm. Rund 130 Schülerinnen müssen auf die Laster steigen. Ihr Schicksal heißt: Ab in ein Lager der Terroristen von „Boko Haram“ im Sambiha-Forst. Einige können fliehen. Gestern befanden sich noch 78 in Gewalt ihrer Peiniger.

Mädchen haben in Schulen nichts verloren, das ist ein eherner Grundsatz des nigerianischen Politislam. Die Aufgabe der Frauen ist es, Kinder zu gebären, Jünger für den Jihad. Seit Jahresanfang sind bei den Attacken dieser Terroristen schon an die 2000 Todesopfer zu beklagen. Die besondere Feindseligkeit von Boko Haram gegen Mädchenschulen erinnert an die afghanischen und pakistanischen Taliban. Nicht zufällig wurden Nigerias Islamterroristen vor genau zehn Jahren mit dem Trainigscamp „Afghanistan“ an der Grenze zu Niger ins Leben gerufen.

Das Schlagwort für diesen Terror, Boko Haram, ist aus der westafrikanischen Hausa-Sprache und dem Arabischen zusammengesetzt. Haram benennt alles Verbotene. Boko steht im weiteren Sinn für die gesamte westliche Bildung.

Unmittelbar nach Nigerias Rückkehr zur Demokratie 1999 hatten in den nördlichen Bundesstaaten Politmuslime den Freiraum genutzt. Sie machten sich daran, das islamische Recht einzuführen. Boko Haram etablierte sich rasch als eine brutale Miliz zur gewaltsamen Durchsetzung dieser Scharia. Auch medizinische Teams, die Impfkampagnen gegen Kinderlähmung durchführen, stehen auf der Abschussliste der Islamisten.

Boko Haram ist nicht nur eine Frucht postmoderner Re-Islamisierung, es gibt tiefere Wurzeln. Das Hirtenvolk der Fulbe nahm um 1700 geschlossen den Islam an. Hundert Jahre später machte es sich dessen Lehre vom Heiligen Krieg zunutze, um in seinem Namen auf der Suche nach besseren Weiden südwärts vorzustoßen. Sie errichteten Jihad-Staaten. Mächtigster davon wurde Sokoto, das ziemlich genau mit dem heutigen Aktionsgebiet von Boko Haram zusammenfällt. Die Erinnerung an eine gewalttätige islamische Vergangenheit ist nie erloschen. Daran knüpfen die Terroristen von heute an.

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