Obama belehrte Romney

von Peter W. Schroeder

US-Wahlkampf: Präsident setzte sich im letzten TV-Duell durch. Das Rennen bleibt jedoch offen.

Washington. (VN) Beim Beginn der dritten und letzten Fernsehdiskussion der beiden Präsidentschaftskandidaten hatte Betty Kantor im Altersheim bei Orlando nur einen Wunsch: „Hoffentlich sagt einer von beiden: Ich hab’ keine Lust mehr und geh’ nach Hause und spiel’ mit meiner Eisenbahn.“ Denn dann wäre der ganze Rummel mit der pausenlosen Wahlwerbung im Fernsehen schließlich vorbei und die Amerikaner könnten sich endlich wieder mit den normalen Problemen des Lebens beschäftigen.

Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney erfüllten den Traum der alten Dame nicht. In einem wieder landesweit vom Fernsehen übertragenen Rededuell zu außenpolitischen Fragen gingen sie in der Lynn-Universität in Florida über die volle 90-Minuten-Distanz. Ergebnis der anschließend durchgeführten Blitzumfragen: Der CBS-Umfrage zufolge sahen 53 Prozent der Zuschauer den abwechselnd staatsmännisch und aggressiv auftretenden Obama als klaren Punktsieger und nur 23 Prozent einen weichgespülten Romney.

Das Ergebnis einer CNN-Umfrage war weniger deutlich: Danach sahen nur 48 Prozent Obama vorn und 40 Prozent Romney. Gleichzeitig verkündeten die Meinungsforscher, dass die in zwei Wochen stattfindende Wahl völlig offen sei und mit einem zu erwartenden Wählerzuspruch von jeweils 47 Prozent für beide Kandidaten auf Messers Schneide stehe.

Der Diskussion von Boca Raton zufolge erschöpft sich die US-Außenpolitik in den Themen Terrorismus, iranische Atom­basteleien, Irak und Afghanistan. In ihren Debattenbeiträgen brachten Obama und Romney dazu jeweils genau 37 Mal das Wort Israel unter, dessen Schicksal den von beiden umschwärmten jüdischen Wählern im Land am Herzen liegt. Gegenden wie Europa, Afrika, Asien und Südamerika oder die unmittelbaren Nachbarstaaten der USA waren dagegen nicht der längeren Rede wert.

Schlagabtausch um das Militär

Barack Obama und Mitt Romney schafften es auch, in ihren Antworten immer wieder ihre als wahlentscheidend geltenden wirtschaftspolitischen Wahlversprechen unterzubringen. Romney wollte dazu mit der Forderung nach einem gewaltigen Nachrüstungsprogramm für die US-Kriegsmarine glänzen, die inzwischen über so wenige Kriegsschiffe wie 1916 verfüge. Das parierte Obama mit dem Hinweis, dass sich die Zeiten ja etwas geändert hätten und dass Schiffchen-zählen nichts über die Schlagkraft aussage. Inzwischen gebe es ja so neue Sachen wie U-Boote und riesige Flugzeugträger. Und: „Wir haben auch weniger Pferde und Bajonette, weil sich das Wesen unseres Militärs geändert hat.“

So erhellend können Fernsehdiskussionen mit amerikanischen Präsidentschaftskandidaten sein. Am 6. November ist Wahl- und Entscheidungstag. Hinterher wird einer der beiden Kandidaten viel Freizeit haben. Entweder zum Spielen mit der Eisenbahn oder zum „Schiffe versenken“ auf Papier.

Wir haben weniger Pferde, weil sich das Wesen des Militärs geändert hat.

Barack Obama, US-Präsident
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