Kommentar

Peter W. Schroeder

Angst vor der Einmaligkeit

Heute findet in den Vereinigten Staaten etwas für alle Europäer und den nichtamerikanischen „Rest der Welt“ sehr Beklemmendes statt: Die letzte und nach Meinung der Demoskopen wahlentscheidende Fernsehdiskussion zwischen dem amtierenden Präsidenten Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney.

Thema der Veranstaltung ist ausschließlich die künftige Außenpolitik der Supermacht, für die sich die allermeisten US-Wähler mit ihrem bestürzend rudimentären Wissen über die Verhältnisse jenseits ihrer Landesgrenzen herzlich wenig interessieren, und die stets für krude Hauruck-Parolen empfänglich sind.

Dass über 90 Prozent aller US-Abiturienten Europa nicht auf einer Landkarte finden können, und noch weniger den Irak und Afghanistan, ist nicht einmal in erster Linie der Beleg für das Versagen der amerikanischen Bildungspolitik, für die Obama mehr Staatsmittel bereitstellen und Romney dieselben noch weiter drastisch kürzen will. Und das in allen US-Bevölkerungsschichten vorherrschende „Außenpolitik so what“ ist auch nicht primär Ignoranz, sondern der feste Glaube an die „amerikanische Einmaligkeit“, das „American Exceptionalism“. Ihr Kernstück ist die feste Überzeugung, dass Amerikaner und die amerikanische Politik immer recht haben, die USA alles besser machen können.

Das damit verbundene Leugnen der nicht nur politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten aller Staaten propagieren die Republikaner und ihr Präsidentschaftskandidat Mitt Romney nachdrücklicher als der schon fast als „Internationaler“ geltende Demokrat Obama. Wozu das in der Außen- und Sicherheitspolitik führt, demonstrierte mit dramatischen Folgen Obama-Vorgänger George W. Bush beispielsweise im Irak. Und die Wirtschaftspolitik Bushs mit Kapitalismus-Laissez-faire, unverantwortlichen Steuersenkungen und dem Abbau staatlicher Regulierungen bescherte der gesamten Welt eine neue Weltwirtschaftskrise.

Diese Politik will Romney fortsetzen und versichert Amerikas Partnern und Freunden treuherzig und allen schmerzhaften Erfahrungen widersprechend: „Was gut ist für die USA, ist auch gut für die Welt.“ Der von den Republikanern als „Europa-Kopist“ (und das ist für die meisten US-Wähler schon eine schlimme Beleidung) gescholtene Obama will dagegen seine begonnene Politik der partnerschaftlichen Beziehungen und Rücksichtnahmen fortsetzen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass die allermeisten nichtamerikanischen Regierungen, auch konservativ geführte, den „linken“ Obama, der so „links“ gar nicht ist, und nicht den „rechten“ Romney als Sieger bei der Wahl in gerade mal zwei Wochen sehen wollen.

Peter W. Schroeder, Washington

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