VN-Interview. Marie Leuenberger (36)

Kampf für Frauenrechte

Schauspielerin Marie Leuenberger über ihre Heimat und das Frauenwahlrecht.

Berlin. (lh) Bereits für ihr Kinodebüt in „Die Standesbeamtin“ (2008) wurde sie beim Festival in Montreal als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Selbiges passierte ihr jetzt bei Robert De Niros Tribeca Festival in New York für ihre Leistung in Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“. Da verkörpert Marie Leuenberger Nora, Hausfrau und Mutter in einem beschaulichen Dorf im Appenzeller Land. Dort engagiert sie sich nicht nur für das Frauenwahlrecht, sondern auch gegen eine verstaubte Sexualmoral.

Sie sind Tochter einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters. Somit haben Sie wohl genügend Kenntnisse in Schwyzerdütsch. War die Rolle der Nora somit eine Art „Heimspiel“ für Sie?

LEUENBERGER: Gar nicht, denn den St. Gallener Dialekt musste ich erst lernen. Eine Frau sprach mir die Sätze vor, und ich lernte sie durch Nachsprechen. Was die Dialekte betrifft, kann man sich in der Schweiz an den Städten orientieren. Ich bin in Basel aufgewachsen, und dort zum Beispiel hört man gleich, ob jemand anderswoher oder wirklich aus Basel kommt.

Sie haben einen deutschen und einen Schweizer Pass. Warum haben Sie sich für die Wahlheimat Berlin entschieden?

LEUENBERGER: Weil ich dort geboren wurde und einmal dort leben wollte. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und habe durch meine Theaterengagements viel Zeit in deutschen Städten verbracht. Aber jedes Mal, wenn ich in Berlin aus dem Zug stieg, hatte ich sofort das Gefühl: Hier bin ich zu Hause!

In der Schweiz wurde das Frauenwahlrecht 1971, zuallerletzt im Kanton Appenzell im Jahr 1990, eingeführt. Sie kamen 1980 in Berlin zur Welt. Wie weit waren Sie persönlich mit dem Thema konfrontiert?

LEUENBERGER: Lustigerweise war mein selbst gewähltes Abi-Thema in der Schule „Frauenbewegung in der Schweiz“. Und jetzt, rund 20 Jahre später, durfte ich in einem Film mitwirken, in dem es genau darum geht. In der Schweiz stellte er Zuschauerrekorde auf, und nicht nur das: Wir reisen für „Die göttliche Ordnung“ um die Welt, der Film kommt überall wunderbar an und wurde in viele Länder verkauft. Das zeigt, dass das Thema unglaublich aktuell ist.

In Österreich und Deutschland gibt es das Frauenwahlrecht immerhin bereits seit 1918. Wieso waren die Schweizer so spät dran?

LEUENBERGER: Genau kann ich das nicht sagen. Die Schweizer lieben jedenfalls Bequemlichkeit und sind auch sonst nicht unbedingt das revolutionärste Volk.Die Frauen in der Schweiz mussten sich in einem hundertjährigen Kampf erst befreien. Sie sind heute gesetzlich in vielem gleichgestellt, aber in Wirklichkeit stecken wir noch mitten drin. Das betrifft nicht nur die Schweiz.

Beispiel?

LEUENBERGER: Gerade unser Geschäft. In den letzten 80 Jahren haben fast nur Männer Filme gemacht, und es wäre sehr wichtig, die Frauen mehr zu unterstützen. Schon allein, weil Frauen Geschichten aus einer anderen Perspektive erzählen. Im Fernsehen etwa werden nach wie vor viele Klischees dargestellt.

Können Filme die Dinge verändern?

eliquisi: Filme können uns verführen und uns dadurch einen neuen Blick schenken, zum Beispiel, wie wir als Frauen wahrgenommen werden. Als ich „Die göttliche Ordnung“ drehte, fühlte ich mich durchaus gleichberechtigt. Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema hat meine Wahrnehmung geschärft. Ich beobachte seither unsere Gesellschaft sehr sorgfältig, und Frauen werden nach wie vor oft weniger ernst genommen. Und dass sie im Berufsleben noch immer 15 bis 20 Prozent weniger verdienen als Männer, ist eine Frechheit.

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