Interview. Campino (54), bürgerlich Andreas Frege

„Ich bin verunsichert“

Campino: „Fehler prägen deutlich mehr als Erfolgsmomente.“

Campino: „Fehler prägen deutlich mehr als Erfolgsmomente.“

Am Freitag bringen die Toten Hosen ihr neues Studioalbum „Laune der Natur“ heraus.

Berlin. Als sich die Toten Hosen 1982 gründeten, wurde im selben Jahr Helmut Kohl neuer Bundeskanzler. 35 Jahre später ist die Band immer noch am Start.

Im Beiheft des neuen Albums steht, jede Platte ist eine Momentaufnahme aus dem Leben. Wo stehen die Toten Hosen, wo steht Campino im Frühjahr 2017?

Campino: Wenn ich die Karten auf den Tisch legen und meine derzeitige Situation mit einem Wort beschreiben soll, würde ich sagen: verunsichert. Ich hoffe, dass sich das bald gibt, aber ich persönlich spüre Verunsicherung. Das ist aber ein Zustand, der zum Leben dazugehört und der in Zyklen immer wieder auftaucht.

Und warum kommt die Verunsicherung gerade jetzt wieder?

Campino: Vielleicht hat das bei uns etwas damit zu tun, dass wir noch nicht ins Altenlager gehören, aber auch definitiv nicht mehr zur ganz jungen Garde. Wenn man so will, sind wir in einer Übergangsphase. Man rennt sehr lange durchs Leben und holt sich Aufmerksamkeit und Energie von außen, stopft sich voll mit Erlebnissen und hinterfragt die Welt viel weniger. Aber irgendwann merkt man: Die Kraft und die Erkenntnisse muss man von innen schöpfen.

Wie sehen sich die Toten Hosen selbst derzeit? Würden sie sich nach wie vor als politische Band bezeichnen?

Campino: Ich glaube, dass die Leute nach all den Jahren wissen, wer wir sind und wofür wir stehen, da braucht es jetzt nicht das zwölfte Anti-Nazi-Lied von den Toten Hosen. In dieser schnelllebigen Zeit ein politisches Lied zu schreiben, ist wahnsinnig schwierig, weil sich die Ereignisse überstürzen. Das kann schnell unaktuell und platt werden – und dass Donald Trump ein Idiot ist, da sind wir doch eh alle einer Meinung.

Die Toten Hosen haben sich 1982 gegründet, im selben Jahr wurde Helmut Kohl zum Kanzler gewählt. War damals der politische Protest – zumindest national – einfacher?

Campino: Natürlich. Der Gegner war eindeutig klar, das war die Regierung. Es stand für uns außer Frage, wer gut und böse ist. Heute hat sich diese Feindwahrnehmung völlig verschoben. Die Bundesregierung gilt als stabile Säule, die Europa zusammenhält.

Irgendetwas, was Sie bereuen aus den vergangenen 35 Jahren?

Campino: Reichlich. Aber es bringt nichts, sich heute darüber den Kopf zu zerbrechen. Im Nachhinein bist du immer schlauer. Fehler prägen deutlich mehr als Erfolgsmomente.

Von welchen Fehlern sprechen Sie?

Campino: Verantwortungsloses Verhalten. Nehmen wir das 1000. Konzert [Anm.: 1997 in Düsseldorf starb ein Mädchen im Publikum]. Das war kein Fehler von uns, aber es passierte eine Katastrophe. Dieses Unglück hat mir klargemacht, dass unser damaliges Motto ein totales No-Go war und ist: „Wir sind die Toten Hosen. Willkommen zum Konzert. Betreten auf eigene Gefahr.“ Damals fanden wir das lustig. Dieser Spruch ist seit diesem Tag nie wieder gefallen und er ist auch Unsinn. Natürlich gibt es auch banalere Dinge, die man bereut. Eine Zeit lang habe ich zu viele Interviews gegeben, war zu oft Gast in Fernsehshows. Das ist ein Spiel mit dem Feuer, man wird als Paradiesvogel eingesetzt und dabei verheizt. Du spielst mit etwas, was du nicht unter Kontrolle hast. Wenn du das überdosierst, kann das wie ein Bumerang zurückkommen.

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