„Ich wollte sehr, dass mich ganz Europa hört“

Überschwängliche Freude herrschte in der Ukraine nach der Ankunft der ESC-Siegerin Jamala.
Überschwängliche Freude herrschte in der Ukraine nach der Ankunft der ESC-Siegerin Jamala.

Russland kritisiert Sieg der ukrainischen Sängerin Jamala beim Song Contest als politisch motiviert.

Kiew. Stundenlang ist beim Eurovision Song Contest alles wie immer: schwülstige Popsongs, witzelnde Moderatoren, zahlreiche Glitzerkleider. Doch nach der Punktevergabe hält überraschend die Krimtatarin Jamala (32) die Siegertrophäe in der Hand. Ihr Song über die Vertreibung ihrer Minderheit in der Sowjetzeit hat Europa berührt. Beim Wettbewerb fällen die Europäer eine politische Entscheidung, die plötzlich viele nachdenklich stimmt.

„Das ist ein Sieg für Jamala, der als Statement nicht zu unterschätzen ist“, sagt ESC-Experte Jan Feddersen. Wäre es nur nach den Stimmen der Jurys gegangen, hätte ESC-Exot Australien den Contest für sich entschieden. Nach dem Televoting aber steht die ukrainische Sängerin mit Tränen in den Augen als Siegerin da. Vorher hatte sie zu Moderator Måns Zelmerlöw noch gesagt: „Ein Sieg würde bedeuten, dass Europa mich ziemlich gut versteht.“ In „1944“ erzählt Jamala die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die unter Sowjetdiktator Josef Stalin deportiert wurde. „Ich wünschte, dass meiner Urgroßmutter diese schrecklichen Dinge nicht passiert wären“, sagt die 32-Jährige. Manche sehen in dem Lied eine Kritik an der russischen Annexion der Krim. Ob der Song überhaupt zugelassen werden sollte, wurde kontrovers diskutiert.

Russland sieht das Lied als politischen Song und damit als Verstoß gegen die Regeln des Wettbewerbs. Abgeordnete in Moskau kritisieren zudem, dass „1944“ konfrontativ und damit kein Beitrag für den gesamteuropäischen Kulturdialog sei, den sich der Wettbewerb doch auf die Fahnen geschrieben habe. Der ESC verwandle sich in ein politisches Schlachtfeld, meint der Außenpolitiker Alexej Puschkow. Sein Kollege Franz Klinzewitsch bringt einen russischen Boykott des ESC 2017 in der Ukraine ins Spiel, bisher ist das aber eine Einzelstimme. Jamala sieht ihren Sieg als Zeichen dafür, dass der blutige Konflikt in ihrer Heimat dem übrigen Europa nicht egal ist. „Ich wollte sehr, dass mich ganz Europa hört – alle Leute, die sagten, dass es Europa gleichgültig ist, was bei uns in der Ukraine passiert: dass bei uns Krieg herrscht, die Annexion (der Krim), dass Revolution war.“

Österreich auf Platz 13

In Deutschland herrschte indes Ratlosigkeit angesichts der Pleite von Sängerin Jamie-Lee Kriewitz, die auf dem letzten Platz landete. Österreichs Teilnehmerin Zoë (19) freute sich über einen respektablen 13. Platz „Mit einem Sieg habe ich nie gerechnet, aber Top 10 wäre schön gewesen“, gestand die Sängerin auf dem Heimflug. Top 10 sind es beim Televoting ohnehin geworden: Rang acht und somit noch vor Frankreich beim Ranking des TV-Publikums, das dem Russen Sergej die meisten Stimmen gab.

In der Ukraine beginnen nun die Planungen für den ESC 2017: „Kiew ist bereit für die Durchführung“, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko am Montag. Aber auch Oberhäupter anderer ukrainischer Städte brachten sich in Stellung. Kiew war bereits 2005 Gastgeber des ESC.

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