Kommentar

Hannes Androsch

Akteur oder Spielfeld?

Schon vor dem Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie war die Welt mit zahlreichen Problemen und Bedrohungen konfrontiert. Viele von ihnen wurden durch die Corona-Krise weiter verstärkt und werden uns auch danach beschäftigen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen tiefgreifenden Umwälzungen einerseits und den vielfältigen Bedrohungen bzw. Brandherden andererseits. Zu ersteren gehören die Auswirkungen des digitalen Zeitalters, in welchem wir uns wie Goethes Zauberlehrling bewegen, obwohl oder auch weil wir uns in einem digitalem Kolonialzustand befinden. Dazu gehört aber auch der Klimawandel, der drastische Maßnahmen zur Reduzierung unseres CO2-Ausstoßes – Stichwort Dekarbonisierung – und eine Energiewende verlangt. Zudem erleben wir in vielen Regionen dramatische demografische Veränderungen, entweder durch explodierende oder aber – wie in unseren Breiten – deutlich schrumpfende Bevölkerungszahlen mit allen damit verbundenen Folgen für den Arbeitsmarkt oder die Finanzierung des Sozialstaates.

Die Geopolitik – und damit sind wir bei den Bedrohungen – ist durch die zunehmend feindliche Rivalität zwischen China und den USA gekennzeichnet. Hier geht es um die technologische Führerschaft wie auch um die Kontrolle des indo-pazifischen Raumes. Der Konflikt beeinträchtigt die Weltwirtschaft und droht diese zu fragmentieren. Verstärkt durch die Kollateralschäden der Pandemie droht eine längere Stagnation. Damit verschärfen sich auch regionale Spannungen und Konflikte in Europas Nachbarschaft – von der Ostukraine über die Krim und den Kaukasus in den Nahen Osten, das östliche Mittelmeer und Nordafrika bis zum Atlantik. Europa droht in der Auseinandersetzung zwischen China und den USA zwischen den Stühlen zu sitzen. Die Flüchtlingsfrage und die Migrationsproblematik sind nur ein Beispiel dafür. Europa ist auch sicherheitspolitisch nahezu wehrlos, gerade gegenüber Russland. Manche Länder meinen, sich in eine national-isolierte und autokratische Wagenburg zurückziehen zu können, andere begeben sich gleich an die Seite Russlands (Zypern) oder Chinas (Ungarn, Griechenland u.a.). Welche Illusion! Und Österreich hat sich überhaupt gleich ratlos europafeindlich isoliert. Doch kein einziges Land kann die Herausforderungen allein bewältigen. Schon gar nicht ein kleines mit seiner traurigen Rückständigkeit in vielen Bereichen. Daran können auch vollmundige Ankündigungen nichts ändern, zumal wenn sie nicht oder nur dilettantisch umgesetzt werden wie bei der Coronahilfe. Was es braucht, sind ein europäischer Schulterschuss, Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Wenn sich Europa nicht emanzipiert und selbst zur aktiven Spielfigur wird, läuft es Gefahr, nur das Schachbrett zu sein.

Hannes Androsch

markt@vn.at

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

„Europa ist auch sicherheitspolitisch nahezu wehrlos.“

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