Im Gespräch. Stefan Battlogg (56), Geschäftsführender Gesellschafter Inventus Development GmbH, St. Anton im Montafon

„Wir brauchen die Kristallkugel“

von Andreas Scalet, Hanna Reiner
Im eigenen Fallturm werden die Produkttests durchgeführt. 

Im eigenen Fallturm werden die Produkttests durchgeführt. 

Stefan Battlogg führt mit Inventus einen "Hidden Champion", dessen Anwendungen Kunden weltweit begeistern.

St. Anton Das Montafoner Unternehmen Inventus entwickelt Anwendungen für verschiedenste Branchen wie Automobil, Medizin, Militär oder Gaming. Der gemeinsame Nenner ist eine Technologie namens MRF. Damit begeistern Stefan Battlogg und sein Team Kunden auf der ganzen Welt.

 

Wie erklären Sie einem Laien, was Inventus genau macht?

Battlogg Wir entwickeln vom weißen Blatt Papier bis zu getesteten Prototypen neue Sachen, die es bislang noch nicht gibt. Mit dem Begriff Innovation bin ich aber vorsichtig, weil dieser oft missbräuchlich verwendet wird. Wir sind ein Mechatronik-Unternehmen, das sehr tief in der Technologie verankert ist.

 

Der gemeinsame Nenner hinter allen Anwendungen ist die MRF-Technologie. Was steckt dahinter?

Battlogg MRF steht für magnetorheologische Flüssigkeit. Das ist unsere Basis für all unsere Produkte. Wenn man an sie ein Magnetfeld anlegt, bilden sich Ketten und damit kann man die Viskosität verändern. Das unterscheidet uns von anderen Firmen, die ein Produkt oder Geschäftsfeld haben. Wir wollten uns nach der Lehman-Krise nicht nur auf die Autoindustrie konzentrieren, sondern in die Breite gehen um uns abzusichern.

 

In welchen Branchen sind Sie tätig?

Battlogg Die Autoindustrie verwendet die Flüssigkeit, um Autotüren zu bremsen. Bei Fahrrädern können damit die Dämpfer gesteuert werden. In Prothesen kann die Bewegung gebremst werden. Beim Militär geht es um den Schutz der Soldaten. Hier kann das Fahrzeug bei Minenexplosionen entkoppelt werden. Neu ist die Gaming-Branche. Bei Joysticks oder Controllern verwenden wir die Technologie, um das Mausrad zu dämpfen und adaptiv zu machen. Wenn jemand in einem Computerspiel durch Sand läuft, wird das Mausrad schwerer. Oder wenn man in einem Word-Dokument nach einem Wort sucht und es gefunden wird, bleibt das Rad stehen. Unsere Anwendungen sind große Projekte, die aus Mechanik, Elektronik, Regelungstechnik und Software bestehen.

 

Kann man vereinfacht sagen, Sie geben mit Ihren Anwendungen Feedback?

Battlogg Ja, denn die Bedienphilosophie ändert sich stark. Wir spüren hier den Trend, dass der Kunde wieder fühlen will, was er tut. Denn durch Touchdisplays ist die Bedienung mit mechanischem Feedback verloren gegangen. Das ist bei vielen Sachen ganz schlecht. Bei Lautstärke beispielsweise oder in der Medizintechnik bei der Dosierung.

 

Die MRF-Technologie ist aber keine eigene Erfindung?

Battlogg Nein, man hat sie im Jahr 1950 erfunden und sie wird beispielsweise für Fahrzeug-Stoßdämpfer verwendet. Für viele Anwendungen sind diese aber viel zu groß. Wir haben das kleiner, leichter und energieeffizienter gemacht, haben das patentieren lassen und verkaufen nun Lizenzen. Oder wir fertigen die Teile. Dazu haben wir ein Joint Venture, weil wir dafür zu klein sind. Das klingt vielleicht insgesamt sehr einfach, aber dazwischen liegen viele Jahre. Es war ein harter Weg und viel Knochenarbeit.

 

Wie kommen die Anwendungen zum Kunden? Kommen die Firmen zu Ihnen oder umgekehrt?

Battlogg Wir entwickeln Anwendungen und machen den Kunden dann Vorschläge. Automobilkunden haben wir beispielsweise den adaptiven Laustärkeregler im Lenkrad vorgestellt. Darum haben wir auch unsere Firma XeelTECH gegründet, um mehr in die Vermarktung zu gehen.

 

Apropos Außenauftritt: Sie haben gerade auf der CES in Las Vegas, der größten Messe für Consumer Electronic, große Erfolge gefeiert.

Battlogg Wir hatten einen ganz kleinen Stand und anfangs schien es, als ob uns niemand wahrnehmen würde. Aber es war letztlich ein toller Erfolg und wir konnten viele Menschen mit unseren Produkten begeistern. Ein Ritterschlag war, dass einer der größten Smartphone-Hersteller der Welt zu uns kam und vom Stand weg eine Einladung ins Silicon Valley aussprach. Unser Mitarbeiter Philipp Sachs ist dann von Las Vegas direkt nach Cupertino und hat dort unsere Technologie vorgestellt. Eine Woche später hatten wir schon eine konkrete Anfrage. Das ist für uns toll, denn eigentlich ist es für uns als kleine Firma unmöglich, Zugang zu diesen großen Playern zu bekommen.

 

Ihr Unternehmen trägt den Firmenzweck im Namen: Inventus bedeutet Erfinden, entdecken. Ist es ein hoher Anspruch an sich selbst, ständig Neues zu entwickeln?

Battlogg Vor allem geht es darum, Dinge früher sehen als andere und gut zuzuhören. Ich sage immer, wenn jemand schimpft, hat er oft ein Problem, das es zu lösen gilt. Durch Zuhören sind schon einige Projekte entstanden. Wir halten viele Patente. Aber dazu braucht man eigentlich eine Kristallkugel. Denn wir müssen erahnen was in ein paar Jahren sein wird, um das auch früh genug anmelden zu können. Wir müssen also der Zeit voraus sein. Viele Anwendungen gehen dabei von Branche zu Branche weiter. Hier ist es wichtig, den perfekten Einstiegspunkt zu finden.

 

Innovationsschmieden sind meist in Ballungszentren angesiedelt. Wieso ist St. Anton für Inventus ein guter Standort?

Battlogg Ursprünglich waren wir eine Garagenfirma. Heute beschäftigen wir Maschinenbauer, Elekrroniker, Mechatroniker, Fräser und Softwareentwickler. Ich wollte im Tal bleiben, weil wir hier so gute, engagierte Leute haben. Es ist aber nicht einfach, Mitarbeiter zu finden. Nicht weil wir technologisch uninteressant sind, sondern weil unsere Projekte oft der Geheimhaltung unterliegen und wir das deshalb nicht kommunizieren dürfen. Das ist kein Vorteil, um Personal zu finden.

<p class="caption">Stefan Battloggs Selbstständigkeit fing in der Garage an. Heute beschäftigt Inventus in St. Anton 20 Mitarbeiter.  VN/Stiplovsek</p>

Stefan Battloggs Selbstständigkeit fing in der Garage an. Heute beschäftigt Inventus in St. Anton 20 Mitarbeiter.  VN/Stiplovsek

„Unser Credo ist es, über den Tellerrand hinauszublicken. Das ist durchaus fordernd.“

Kennzahlen

Gegründet 1990, erster Mitarbeiter 2003

Eigentümer Inventus Holding GmbH Stefan Battlogg 60%, MIS Motors Holding AG, Schweiz 40 % (Rennmotoren-Papst Mario Illien)

Umsatz 2 Millionen Euro

Mitarbeiter 20

Geschäftsfelder Automotive, Health Care, Smart Devices, Sondermaschinenbau, Sportartikel, Defence

Privat

Stefan Battlogg

Gründer, Aktionär, Geschäftsführer Inventus Holding

Geboren 31. März 1963

Ausbildung HS Schruns, HTL Maschinenbau Bregenz

Laufbahn Erster Präzisionsapparatebau Vaduz, Angerer Electronic Bludenz; fließender Übergang in die Selbstständigkeit

Familie verheiratet, zwei Kinder

 

In den vergangenen Jahren war für Stefan Battlogg Freizeit Mangelware, das Unternehmen nahm die meiste Zeit in Anspruch. Von Vorteil war und ist allerdings, dass der Arbeitsweg entfällt - er wohnt wenige Meter vom Betrieb entfernt. Auch sein Elternhaus ist in Sicht- und Gehweite. „Wenn es die Zeit zulässt, ist die Familie für mich erste Adresse.“ Gerne geht er wandern - er müsse ja nur zur Türe raus und habe ein schönes Wandergebiet zur Verfügung. Wenn es die Zeit zulässt, reist er gerne. Mit der Familie und seit die Kinder groß sind, mit der Frau. In fernen Ländern könne er ganz andere Eindrücke sammeln, komplett abschalten.

"Produkte, die begeistern" mit St. Antöner DNA

St. Anton i. M. Das Gebäude gleich am Ortseingang von St. Anton im Montafon fällt auf. Schwarz, modern, schnörkellos und geheimnisvoll. Es ist der Sitz der Firma Inventus, die in ihren Geschäftsfeldern Automotive, Health Care, Smart Devices, Sondermaschinenbau, Sportartikel und Defence international tätig ist. Die Entwicklungen der Montafoner Firma sind in vielen Maschinen, Autos, Lastwagen, Fahrräder, in OPs oder einfach an Tablets im Einsatz und machen, so der Firmengründer Stefan Battlogg, das Leben leichter, besser und auch sicherer. Inventus entwickelt Systeme, die automatisch Autotüren öffnen,bei Operationen mehr Sicherheit bieten oder für Behinderte Erleichterungen bringen. All das basiert auf der Kernkompetenz des Anfang der 1990er Jahre als Einmann-Betrieb gegründeten Unternehmens, der Magnetorheologische Flüssigkeit, kurz MRF, einem Stoffgemisch aus einer Trägerflüssigkeit und magnetisierbaren Carbonyleisenpartikeln. Inventus entwickelt interdisziplinär – vom Softwareentwickler bis zum Maschinenbauer sind alle Spezialisten in St. Anton versammelt – und sie schaffen eines, bei den Kunden, so Battlogg: „Wir schaffen Produkte, die begeistern“.

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