Kommentar

Hannes Androsch

Dunkle Wolken

Vor gut zehn Jahren hat sich als Folge der Banken- und Finanzkrise die globale Wirtschaftsentwicklung dramatisch eingetrübt, zeitweise drohte sogar die wirtschaftliche Kernschmelze.

Inzwischen hat sich der Konjunkturhimmel wieder aufgehellt – mit etwas Verzögerung auch in Österreich. Dies belegen hohe Beschäftigungszahlen und der Mangel an Fachkräften, wobei dieser auch durch die kurzsichtige Arbeitspolitik für Zuwanderer verursacht wird. Bedenklich ist, dass sich die hohe Arbeitslosenzahl nur langsam verringert und wir Wachstumsmöglichkeiten nicht voll nutzen können.

Die helle Konjunktursonne darf nicht blind machen für aufziehende dunkle Wolken. Diese haben geopolitische wie geoökonomische Ursachen, ergänzt um strukturelle, demografische und durch die Digitalisierung hervorgerufene Veränderungen, sowie Bedeutungsverschiebungen und geänderten Einfluss. Man denke an die Brandherde in Nahost, die Bedrohungen in Ostasien und Osteuropa – Letztere verbunden mit dem Damoklesschwert eines neuen Kalten Krieges – und die Neuauflage von Protektionismus, Unilateralismus und die Gefahr von Handelskriegen.

All dies passiert vor dem Hintergrund von Rekordschuldenbergen in vielen Staaten und enormen globalen Herausforderungen: so die wachsende und gleichzeitig in vielen Regionen – Japan, Russland, Europa – alternde Weltbevölkerung, die fortschreitende Digitalisierung mit der Gefahr technologischer Arbeitslosigkeit und bedrohlichen Techgiganten, Ungleichheiten zwischen Reich und Arm, zwischen den Geschlechtern und im Bildungsbereich, und nicht zuletzt die Klimaveränderung.

Unter Nutzung der Chancen, gilt es, die Gefahren zu entschärfen, zumindest einzudämmen. Doch dazu sind auch die größten Länder nicht allein in der Lage, kleinere schon gar nicht. Gewarnt sei daher vor der Tendenz zu autoritär-nationalistischer Kleinstaaterei. Mit dieser bewegt sich Europa ins Abseits und damit in die Bedeutungslosigkeit. Ein Befund, der auch auf unser Land zutrifft: Abschottung, Xenophobie, angstmachende Symbolpolitik und ostneigende Außenpolitik lassen uns als Wirtschaftsstandort ebenso an Boden verlieren wie fehlende zeitgemäße Bildungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik. Bei Digitalisierung und Umweltschutz befinden wir uns ohnehin nur im Schlusslichtbereich.

Gerade konjunkturell gute Zeiten wären geeignet, anstelle hohler Ankündigungen und leerer Versprechungen eine zukunftsorientierte Neuordnung vorzunehmen. Schließlich benötigt unser Sozialstaat eine finanzierbare und treffsichere Zukunftsorientierung.

Hannes Androsch

markt@vn.at

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

„Gewarnt sei vor der Tendenz zu autoritär-nationalistischer Kleinstaaterei.“

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