VN-Interview. Wolfgang Eder (64), Generaldirektor der voestalpine

„Erleben das Ende eines Systems“

Wolfgang Eder: „Menschen können sich immer weniger leisten, weil der Staat immer mehr braucht.“
Wolfgang Eder: „Menschen können sich immer weniger leisten, weil der Staat immer mehr braucht.“

voestalpine-Chef Wolfgang Eder übt scharfe Kritik an Österreichs Wirtschaftspolitik.

LINZ. Österreich habe über viele Jahrzehnte ein System kultiviert, an das sich das Land zu lange geklammert habe. Dieses System des Verwaltens und Machterhaltens stehe nun vor dem Ende, sagt der Generaldirektor der voestalpine, Wolfgang Eder, im Gespräch mit Vertretern der Bundesländerzeitungen und der „Presse“. Mit Eder sprachen Gerhard Hofer (Die Presse), Andreas Koller (Salzburger Nachrichten), Hubert Patterer (Kleine Zeitung), Gerold Riedmann (Vorarlberger Nachrichten), Alois Vahrner (Tiroler Tageszeitung) sowie Gerald Mandlbauer und Dietmar Mascher (OÖNachrichten).

Heuer geht die größte Einzelinvestition der voestalpine in den USA, die Direktreduktionsanlage in Corpus Christi (Texas), mit einer Investitionssumme von mehr als einer halben Milliarde Euro in Betrieb. Zeitlich und finanziell alles im Plan?

Eder: Die Produktion startet im Lauf des Sommers, bis Dezember könnten wir in Vollbetrieb sein. Bei den Kosten gibt es – abgesehen von kleineren Zusatzinvestitionen – inflationsbedingte Steigerungen. Wichtig ist, dass die Internal Rate of Return von zwölf Prozent gut abgesichert ist. Die könnte im aktuellen Aufschwung sogar noch besser werden.

Fühlen Sie sich angesichts der veränderten politischen Verhältnisse bestätigt, in den USA die Investition getätigt zu haben?

Eder: Faktum ist, die wesentlichen Voraussetzungen dort werden halten. Und egal
wer in den USA Präsident wird, können wir davon ausgehen, dass die Rahmenbedingungen für diese Anlage langfristig eine wirtschaftlich attraktive Produktion gewährleisten. In Europa
dagegen fehlt ganz offensichtlich der politische
Wille, die Industrie als
Rückgrat der Wirtschaft zu halten. Das Ziel, dass 2020
20 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU aus der Industrie stammen, ist utopisch. So ist die Basischemie schon weitgehend weg aus Europa. Andere Industriezweige werden folgen.

Hat ein Standort wie Linz in 30 Jahren dann noch eine Chance?

Eder: Das ist die Gretchenfrage in der Diskussion über unsere Österreich-Standorte. Wir werden für die Entscheidung darüber sicher noch zwei bis drei Jahre brauchen. Wir bauen ja Anlagen, die 50 Jahre in Betrieb sein sollen. Man möge das nicht als Drohung verstehen, aber von den zwei Quadratkilometern in Corpus Christi nutzen wir derzeit nur 25 Prozent. Das wäre eine Reserve, wenn es in Europa nicht mehr weitergeht.

Wäre das dann der Abschied des Kerns der voestalpine?

Eder: Das will ich mir so gar nicht vorstellen. Die Frage ist, ob sich der aktuelle industriekritische Denkansatz wieder dreht. Allein von unseren österreichischen Standorten hängt das wirtschaftliche Fortkommen von rund 200.000 Menschen ab. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass dies künftig wieder mehr geschätzt wird. Aber Faktum ist, dass derzeit die Industrie in Österreich aufgrund der Rahmenbedingungen weniger investiert, als die Abschreibungen ausmachen. Das ist ein schleichender Abschied.

Die USA sind da weiter?

Eder: Die USA haben begriffen, dass es wichtig ist, neben der Entwicklungs- auch die Fertigungskompetenz im Land zu haben. Sie holten die traditionelle Industrie wieder zurück und sind attraktiv für neue Investoren. Da gibt es etwa die Initiative „Select USA“, wo die US-Regierung fast zwei Tage lang für Investoren Spalier steht.

In den USA fühlen Sie sich geschätzt, in Europa gegängelt?

Eder: Als Manager ist man immer auch ein Mensch. Und wenn Barack Obama die voestalpine im Fernsehen öffentlich willkommen heißt, ist das ein Signal, eine Wertschätzung, die in Europa undenkbar ist.

Der US-Wirtschaftsminister hat Sie sogar zum Dinner eingeladen.

Eder: Stimmt. Ich war perplex, als ich einen entsprechenden Brief bekam, und dachte zunächst an einen Scherz. Bei allem Bemühen ist in den USA auch nicht alles eitel Wonne, etwa was die Qualifikation der Mitarbeiter betrifft. Da müssen wir auch einiges dazu tun. Aber wenn wir sagen, was wir brauchen, werden wir sehr flexibel unterstützt.

Wie hält es die voestalpine mit dem umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP zwischen USA und Europa. Da stehen die USA nicht so gut da?

Eder: Europa liegt beim klassischen Industrie-Know-how nach wie vor deutlich vor den USA. Da gibt es zweifellos Chancen, die bei Weitem noch nicht voll genutzt werden, hier wäre TTIP hilfreich. Die voestalpine kann aber mit und ohne TTIP leben. Grundsätzlich muss man jedoch festhalten, dass langfristig der globale Freihandel die Zukunft ist. Über den Tisch gezogen darf sich dabei aber keiner fühlen, sonst funktioniert es von vornherein nicht.

Wann wurden Sie zuletzt von einem Regierungsmitglied zu einem Gespräch eingeladen?

Eder: Vor rund zwei Monaten, da ging es unter anderem um Forschung und Forschungsförderung, die noch unter der Regierung Schüssel in die richtigen Bahnen gelenkt und seither konstruktiv weiterentwickelt wurde.

Warum zeigt sich das nicht am Wirtschaftswachstum?

Eder: Weil es einige Jahre dauert, ehe Forschungsergebnisse in Unternehmen umsatz- und ergebniswirksam werden. Um beim Positiven zu bleiben, dazu gehört auch die Initiative von Wirtschaftsminister Mitterlehner, sich zwei Mal pro Jahr mit Vorstandschefs zu treffen. Es gibt da so etwas wie eine Bewusstseinsbildung in Richtung Attraktivierung des Wirtschaftsstandortes. Allerdings ist bei der Regierung insgesamt noch viel Potenzial nach oben.

Und wo sehen Sie die kritischen Punkte?

Eder: Letztlich zählen die Fakten. Wir haben eine Rekordarbeitslosigkeit, Rekord-Staatsschulden, eine noch nie dagewesene Steuerquote und überbordende Bürokratie, den stärksten Anstieg der Lohnstückkosten der westeuropäischen Industriestaaten seit dem Jahre 2000, und besonders schlimm ist, dass wir seit 2009 sinkende Realeinkommen haben. Die Menschen können sich immer weniger leisten, weil der Staat immer mehr braucht. Das spricht für sich. Stünde ein Unternehmen so da, . . .

. . . bräuchte es einen neuen Vorstand.

Eder: Wahrscheinlich nicht nur das.

Sie waren eine von 66 Persönlichkeiten, die bei unserer Aktion „Aufbruch“ ihre Meinung zur Lage des Landes kundgetan haben. Sind wir noch reformierbar?

Eder: Wir erleben in Österreich das Ende eines Systems, an das sich die Menschen viel zu lange geklammert haben und das auf die Veränderungen der vergangenen 15 Jahre rund um uns nicht ausreichend reagiert hat. Die Sozialpartner, die historische Verdienste haben, sind dabei zu Hütern überkommener Strukturen auf einer vermeintlichen Insel der Seligen geworden. Niemand sollte überrascht sein über die aktuellen Entwicklungen, die Menschen spüren, wenn etwas aus dem Lot läuft. Es reicht einfach nicht, Jahr um Jahr nur zu verwalten und Macht zu thesaurieren.

Die Bürger sind weiter als die Politiker?

Eder: Sie werden unterschätzt. Ich ärgere mich schon, wenn uns Vertretern der Industrie vorgeworfen wird, wir würden alles schlechtreden. Schöngeredet wurde in den vergangenen Jahren genug. Es braucht Wahrheit, Offenheit und Führung, vor allem auch, um unseren jungen Menschen eine Zukunft zu verschaffen. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass die nächsten zehn Jahre herausfordernd werden.

Trauen Sie Faymann und Mitterlehner zu, die Probleme zu lösen?

Eder: Das müssen andere beurteilen.

Wie geht es Ihnen persönlich mit dieser Situation?

Eder: Ich will nicht pathetisch werden. Aber mir geht es vor allem um die Zukunft der Jugend in unserem Land. Es ist viel Substanz verloren gegangen. Wirtschaftlich, aber auch intellektuell. Wir diskutieren 25 Jahre über Bildung, de facto geht es nur um Machtverteilung. Inhalte, Motivation der Lehrerschaft – Fehlanzeige.

Sie haben die Sozialpartner angesprochen. Was haben die falsch gemacht?

Eder: Sie müssen endlich ihre Rolle neu definieren, weg vom innerösterreichischen Nachkriegsverständnis hin zur Frage der Positionierung unseres Landes in der Welt der Globalisierung und Digitalisierung.

Kann es Österreich schaffen?

Eder: Wir werden es. Wer hätte 1985 gedacht, dass eine voestalpine wirklich Zukunft hat. Österreich hat gute Voraussetzungen, wenn man Kompetenz und Glaubwürdigkeit vor das triviale Organisieren von Macht stellt.

Die Vertreter  der Bundesländerzeitungen und der „Presse“ mit voestalpine-Generaldirektor Wolfgang Eder (m.).
Die Vertreter  der Bundesländerzeitungen und der „Presse“ mit voestalpine-Generaldirektor Wolfgang Eder (m.).

Es reicht einfach nicht, Jahr um Jahr nur zu verwalten.

Wolfgang Eder, voestalpine

Zur Person

Wolfgang Eder

Generaldirektor der voestalpine

Geboren: 5. Februar 1952

Ausbildung: Jus-Studium, Studien­assistent, IMAS Linz, Voest

Laufbahn: Studienassistent, IMAS, Voest, Präsident Weltstahlverband

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