„Sorgenvolles Klettern“

von Hanna Reiner, Tobias Hämmerle
Während der Bulle an der Börse das Auf symbolisiert, steht der Bär für fallende Kurse.
Während der Bulle an der Börse das Auf symbolisiert, steht der Bär für fallende Kurse.

Experten sehen Gewöhnungseffekt an den Börsen, aber keine große Euphorie.

Bregenz. Die Angst vor einer Abschwächung der Konjunktur in Europa und geopolitische Sorgen verdarben den Investoren im Sommer den Appetit auf Risikopapiere. Im August unterschritt der deutsche Leitindex für kurze Zeit sogar die Marke von 9000 Punkten. Gute Konjunkturdaten aus den USA sowie die Hoffnungen auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch die EZB sorgten dann für eine erste Erholungswelle der Aktienmärkte. Doch wie geht es jetzt an den Börsen weiter? Dürfen Anleger auf einen goldenen Herbst hoffen? Erst einmal „wird in diesem Herbst nach Fed, Schottland-Referendum und Alibaba-Euphorie wieder der Alltag einkehren“, meint Roland Rupprechter, Wertpapierexperte der Hypo Landesbank Vorarlberg, gegenüber den VN. Eine Reihe von Konjunkturzahlen stünden zur Veröffentlichung an. Wobei vor allem der Ifo-Index von Interesse sei. Der mit Abstand wichtigste deutsche Wirtschaftsfrühindikator bewegte sich zuletzt im Rückwärtsgang. „Und nur wenig weist auf eine Trendumkehr im Herbst hin. Das Konjunkturmomentum scheint nach unten gerichtet zu sein“, analysiert Rupprechter. Diese Entwicklung wird die Aktienmärkte kurzfristig nicht unterstützen.

Von den Unternehmenszahlen rechnet Rupprechter jedoch mit leicht positiven Impulsen für die Aktienmärkte. Das hat beispielsweise der Sportartikelhersteller Nike mit einem Umsatzsprung und einem Rekordergebnis letzte Woche bereits getan. Alles in allem sei es nicht einfach, die Entwicklung im Herbst einzuschätzen, zumal Intransparenz und Desinformation zentrale Instrumente der beteiligten Parteien von geopolitischen Auseinandersetzungen seien. Immerhin: „An den Börsen hat sich gegenüber den geopolitischen Krisen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt, und der Blick richtet sich momentan wieder nach oben. Fundamentale Unterstützung verleihen dabei der schwächere Euro und die Hoffnung auf eine bessere Quartalssaison. So könnte die nach Anlage suchende Liquidität auch im Herbst an den Aktienmärkten fündig werden und beispielsweise den DAX wieder an die 10.000er-Marke lotsen.“

Börse überrascht gerne

Wenig Euphorie sehen auch die Analysten der Schoellerbank. „Das letzte Viertel des Jahres steht bevor und über die ersten neun Monate sollte wohl kaum ein Anleger jammern. Trotzdem liegt kein Hauch von Euphorie in der Luft. Ganz im Gegenteil, die Börse klettert noch immer die Wand der Sorgen hinauf.“ Allerdings würden Anleger einen Fehler machen, wenn sie sich nur damit beschäftigen, den richtigen Zeitpunkt für Ein- und Ausstieg zu finden. Schließlich habe die Börse die Angewohnheit, die Mehrzahl der Börsenteilnehmer zu überraschen. Ganz im Sinne des Investors Peter Lynch, der sagte: „Der Versuch, Korrekturen vorherzusehen, hat die Anleger mehr Geld gekostet als die tatsächlichen Korrekturen.“

Leider bleiben laut Kapitalmarktausblick der Schoellerbank auch die Alternativen zu einem Aktienengagement wenig verlockend. Die Renditen für festverzinsliche Papiere seien auf Rekordtiefstständen. Auf eine Veränderung nach oben deute wenig hin. Die wichtigste sei eine überschaubare Zinsbindung. Jetzt in zehnjährige oder noch länger laufende Anleihen zu investieren, mache keinen Sinn.

An den Börsen hat sich ein Gewöhnungseffekt eingestellt.

Roland Rupprechter
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