im Gespräch. Werner Jochum (53), Geschäftsführer Spinnerei Feldkirch GmbH

„Nur Garn zu verkaufen, geht heute nicht mehr“

Werner Jochum im Gespräch mit den VN am Standort in Feldkirch-
Gisingen.
Werner Jochum im Gespräch mit den VN am Standort in Feldkirch- Gisingen.

Feldkirch. Werner Jochum ist Textiler durch und durch. Er leitet die Geschicke einer der wenigen Spinnereien in Europa, der Spinnerei Feldkirch. Im Interview spricht er über die Zukunft der Branche, den Fokus auf Hightech-Fasern und wieso es die Spinnerei noch lange am Standort geben wird.

Seit 1894 wird in Feldkirch Garn gesponnen. In welchen Produkten kommen Ihre Garne heute zur Anwendung?

Jochum: Ursprünglich waren wir zu 100 Prozent Lieferant von Bekleidung. Das ist nach wie vor der Löwenanteil. Doch die Unterwäsche setzt sich heute aus modischer, medizinischer, funktionaler und Sportunterwäsche zusammen. Dazu braucht es Fasern, die antibakteriell sind, temperatur- oder feuchtigkeitsregulierend wirken. Dazu kommt der technische Bereich, also Garne für Handschuhe oder Matratzenstoffe. Zudem sind wir im Dekatierstoffbereich tätig, technisches Gewebe, das man zur Anzugsherstellung braucht. Wir sind also überall dort, wo man Funktion braucht und diese spüren kann. Das klassische Hemd ist fast kein Kunde mehr bei uns.

Wie zeigt sich die Marktsitu­ation für einen Spinnereibetrieb wie Ihren?

Jochum: Wir haben uns eine gewisse Position geschaffen, in einem Markt, der schrumpfend ist. Die Betriebe, die da sind, sind aber in guter Verfassung, haben sich gesund-geschrumpft und ihre Nische gefunden. Wir machen 30 Prozent des Umsatzes in Vorarlberg und das ist angenehm.

Muss man in einer schrumpfenden Branche besonders innovativ sein?

Jochum: Wenn wir nur Standard-Baumwollgarn für Unterhemden machen, ist der Standort Europa zu teuer. Die Innovation ist es, dem Produkt einen Mehrwert zu geben. Sei es hinsichtlich Tragekomfort, Funktion oder Pflegeeigenschaften. Ziel ist auch, dass das Produkt durch einen cleveren Fasereinsatz weniger Chemie braucht. Es geht alles in die Richtung Hightech-Fasern. Zum 120-Jahr-Jubiläum können wir eine Weltneuheit präsentieren. Wir haben in Kooperation mit Firmen und dem Institut für Textilchemie und Textilphysik in Dornbirn eine Naturfaser hydrophob ausgerüstet. Neu ist, dass man die Faser so behandeln kann, dass die Faser kein Wasser mehr aufnimmt. Man hat also eine Naturfaser am Körper mit der Funktion einer synthetischen Faser.

Sie sind eine der letzten großen Spinnereien Europas. Gibt es dennoch genügend Konkurrenz für Sie?

Jochum: Im europäischen Vergleich sind wir eigentlich eine kleine Spinnerei. Wir haben 36.000 Spindeln, in Österreich gibt es Spinnereien, die zwanzig Mal so groß sind, wie wir. Der Mitbewerb ist im klassischen Standardbereich tätig, wo es große Massen braucht. Wir haben eine ideale Größe gefunden, um flexibel zu sein. Es ist also nicht nur die Innovation, die uns das Überleben sichert, sondern auch die Dienstleistung. Nur Garn zu verkaufen, geht heute nicht mehr.

Sie beschäftigen 100 Mitarbeiter. Die Textilindustrie hat einen großen Strukturwandel hinter sich. Wie finden Sie trotzdem hoch qualifizierte Fachkräfte?

Jochum: Die finden wir nicht, sondern müssen sie selbst ausbilden. Wir suchen aktuell auch wieder Textilmechaniker-Lehrlinge.

70 Prozent Ihrer Produktion gehen in den Export. Welche Länder beliefern Sie hauptsächlich?

Jochum: Deutschland ist nach wie vor wichtig, genauso wie Italien, die Schweiz und auch Frankreich wird immer stärker. In Osteuropa kommen wir immer mehr vorwärts und dadurch, dass viele Betriebe in die Türkei ausgewandert sind, liefern wir auch dorthin.

Die Spinnerei Feldkirch ist das letzte noch verbliebene textile Engagement der Vorarlberger Textildynastie F.M. Hämmerle. Wie stark ist das Bekenntnis zur Spinnerei bzw. zum Standort Vorarlberg?

Jochum: Die Spinnerei war bis 1993 in der Aktiengesellschaft eingegliedert. Zu der Zeit hat man geglaubt, dass alles keine Zukunft mehr hat. Dann haben mein damaliger Chef und ich gesagt, bevor man die Firma verkauft, machen wir der Familie ein Übernahme-Angebot. Da haben die Hauptaktionäre gesagt, wenn die zwei Herren daran glauben, dann behalten wir die Firma. Das war ein sehr wichtiger Schritt. In den vergangenen 20 Jahren konnten wir uns mit der Unterstützung des Vorstandes festigen und weiterentwickeln. Sowohl der Aufsichtsrat als auch der Vorstand unterstützen uns stark. Wir durften nun auch einen Investitionsplan für die nächsten drei Jahre machen. Das ist das Verdienst der ganzen Mannschaft.

Warum wird es die Spinnerei Ihrer Meinung nach auch noch weitere 120 Jahre geben?

Jochum: Wenn es uns gelingt, die Kreativität und das Engagement so weiterzuführen, läuft es. Der Markt ist da. Auch die Türkei wird ein immer interessanterer Markt. Denn dort können wir innovative Garne verkaufen, die man dort nicht produziert.

Werner Jochum ist Geschäftsführer der Spinnerei Feldkirch. Dort spezialisiert man sich immer mehr auf hochtechnologische Garne. Fotos: VN/Hofmeister
Werner Jochum ist Geschäftsführer der Spinnerei Feldkirch. Dort spezialisiert man sich immer mehr auf hochtechnologische Garne. Fotos: VN/Hofmeister

Ohne Leidenschaft geht es nicht. Es ist ein sehr schöner Beruf, denn man sieht sofort, was man macht.

Kennzahlen

Spinnerei Feldkirch

» Gesellschafter: F.M. Hämmerle Holding AG (100 %)

» Geschäftsführer: Werner Jochum (Verkauf), Wolfgang Praml (Finanzen)

» Mitarbeiter: 95 Personen (im Drei-Schicht-Betrieb), davon 1 Lehrling

» Produktion: 130 Tonnen Garn im Monat

» Umsatz: ca. 13 Mill. Euro
» Export: 70 Prozent

Zur Person

Werner Jochum

Geschäftsführer der Spinnerei Feldkirch

Geboren: 3. Jänner 1961

Ausbildung: Volksschule, Hauptschule, 3-jährige Fachschule in Lustenau, Textilschule in Dornbirn mit Matura (Fachrichtung Strickerei, Wirkerei)

Laufbahn: 1984 Tätigkeit bei F.M. Hämmerle im Bereich Einkauf – Ersatzteilbeschaffung; 1987 Garn-Verkauf für die Spinnerei Feldkirch (anfangs nur Überkapazitäten); ab 1992 zur Spinnerei nach Feldkirch; 1993 wurde die Spinnerei verselbstständigt.

Familie: verheiratet, drei Kinder

Mit den Spinnern einmal täglich zum Mond bitte

Die Spinnerei Feldkirch behauptet sich mit viel Einsatz und Kreativität am Markt.

Feldkirch. Einmal täglich zum Mond und wieder zurück – nein selbst „kreative Spinner“, wie es im Slogan des Feldkircher Unternehmers heißt, haben das Beamen als Fortbewegungsmittel noch nicht erfunden. Vielmehr beschreibt Geschäftsführer Werner Jochum damit die Fadenlänge, die in der Spinnerei Feldkirch täglich produziert wird.

Diese Absatzmarke zu erreichen, ist dabei gar nicht alltäglich. In einem schrumpfenden Markt – in Deutschland mussten vergangenes Jahr wieder drei Spinnereien schließen – und in einer sich ständig wandelnder Branche heißt es, sich tagtäglich weiterzuentwickeln. „Deshalb freut es mich besonders, dass auch die Bereitschaft des Inhabers da ist, dass wir in den nächsten drei Jahren wieder etwas mehr investieren können“, sagt Geschäftsführer Werner Jochum. Wobei in den vergangenen 20 Jahren bereits viel investiert worden sei. Ein Mix aus alten und neuen Maschinen würde eine hohe Flexibilität garantieren. „Für uns ist es zudem wichtig, dass wir kurze Rüstzeiten haben.“

Während die Spinnerei Feldkirch bis zum Ende der 80er-Jahre ausschließlich für die Produkte von F.M. Hämmerle gesponnen hatte, verkaufte man dann in den 90er-Jahren den Überschuss an externe Firmen.

Heute spinnen Jochum und sein Team Garne für Weltmarken wie Palmers, Skiny oder Triumph. Es scheint, als könnte der heutige Aufsichtsrat der F.M. Hämmerle Holding froh sein, dass seine Vorgänger vor 20 Jahren nicht für einen Verkauf der Spinnerei gestimmt haben.

Immer dort unterwegs, wo die Musik spielt

Feldkirch. Seit seinem Eintritt in die F.M. Hämmerle Textil 1984 bestimmt die Textilwelt Werner Jochums Berufsleben. Wessen Betrieb eine Exportquote von 70 Prozent hat und daher seinen Kunden auf der ganzen Welt nachreist, der braucht einen guten Ausgleich im Privatleben. Und diesen findet Jochum im Sommer wie im Winter. „Im Winter bin ich viel am Skifahren und Schneeschuhwandern, auch im Sommer bin ich viel in den Bergen beim Wandern“, sagt der 53-Jährige.

Wenn er mal nicht in der Natur unterwegs ist, hat er alle Hände voll mit seinem Oldtimer – einem Jeep aus dem Jahre 1953 – zu tun. Sein absolutes Haupt-Hobby ist jedoch das Musikmachen. „Wir haben eine Fünfer-Runde namens „Club der Ungeküssten“, in der wir Volksmusik machen“, sagt der Vater von drei Söhnen. Auf Geburtstagen und Frühschoppen gibt die Combo das eine oder andere Ständchen zum Besten. „Im Jahr spielen wir vier, fünf Mal. Das ist nicht viel, aber man ist unter Kollegen und kann abschalten.“ Er selbst übt die Funktion des Schlagzeugers aus, ist also im Hintergrund, aber gar nicht leise.

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