Kommentar

Julia Ortner

Die Entfremdung

Nach zehn Monaten will keiner mehr Kevin sein. Zu Hause herumhängen, keine soziale Kontrolle, den Tag im Pyjama verbringen, das schien einst im Weihnachtsfilm „Home Alone“, „Kevin – Allein zu Hause“, erstrebenswert (und wenn man sechs Jahre alt ist). Doch das Konzept Homeoffice hat im beginnenden zweiten Jahr der Pandemie bei all seinen Vorteilen für jene, die diese Möglichkeit haben, auch stark an Reiz verloren. Arbeiten daheim, das heißt eben nicht nur praktische Videocalls statt der üblichen Sitzungen oder Zeitersparnis durch den Wegfall des Arbeitsweges, sondern auch zunehmende Einsamkeit und wachsende Missverständnisse im Berufsumfeld. Wer will das jetzt noch, abseits von Leuten mit Hang zum Einsiedlertum?

Viele von uns leiden an dieser Entfremdung zu den anderen. Albert Camus, der große Denker und Autor, beschreibt das Phänomen der Entfremdung in seiner Novelle „L´étranger“, „Der Fremde“, auf eindringliche Art – Camus‘ Philosophie des Absurden stellt den Menschen als auf sich selbst zurückgeworfen dar, herausgefordert von Lebensaufgaben, die im Prinzip sinnlos sind. Auch wenn man nicht von totaler Sinnlosigkeit sprechen möchte – das Hinterfragen der eigenen Existenz nimmt in der Pandemie doch zu: Was brauche ich für ein gelungenes Leben, was nicht? Und was verbindet mich mit den anderen, was mit der Welt? Im positiven Fall könnte das Nachdenken ja auch die eine oder andere Erkenntnis bringen, die man sonst gerne verdrängt.

Unangenehme Verächtlichkeit

Wenn wir uns fremd werden, nimmt allerdings auch die Verachtung zu, fast so schnell wie die Coronazahlen. Aus dem Nichtverstehen-Wollen oder Nichtnachvollziehen-Können anderer Bedürfnisse entsteht bei vielen das Gefühl, sich über den anderen erheben zu müssen, eine unangenehme Verächtlichkeit prägt den gegenseitigen Umgang: Junge gegen Alte, Leute mit Job gegen Leute, die ihren Job oder ihr Geschäft verloren haben, Menschen mit Kindern und Schulnöten gegen Menschen ohne Kinder, jene, die in Österreich geboren sind gegen jene, die von woanders gekommen sind. Dabei wäre es nicht so schwierig, zu begreifen: Die Bedürfnisse und Probleme aller Gruppen haben nun ihre Berechtigung, doch manche Gruppen sind besonders hart von der Krise betroffen. Vor allem Menschen, die es vor Corona auch schon schwerer hatten, weil sie über weniger Einkommen und Ressourcen verfügen oder schwierige persönliche Lebenssituationen wie Krankheit bewältigen müssen.

Sich nicht nur als Fremde zu sehen, jeder auf seiner kleinen Insel, sondern dem anderen wieder mit etwas mehr Interesse zu begegnen, könnte zumindest ein Ansatz sein, um gemeinsam besser durch diese Ausnahmesituation zu kommen.

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

„Was brauche ich für ein gelungenes Leben, was nicht? Und was verbindet mich mit den anderen, was mit der Welt?“

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.